Dies ist der vierte und letzte Teil von Tigers Gedanken zum Thema
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Wie sieht ein nicht-Depressiver die Depression?
Zunächst rede ich hier mal nicht von den, sorry, Idioten,
die einfach mangels persönlicher Anschauung die Depressiven verachten. Jene
machen es sich natürlich einfach, oft einfach darum, weil sie sowieso alles
Komplizierte verachten. Es geht mir um die Leute, welche Depressive begleiten
müssen, welche sie als Psychiater, Familienmitglieder oder Freunde betreuen.
Was tun mit einem Depressiven? So ein Leben kann sehr schwierig sein. Es gibt
sehr selten Fortschritte und falls doch, dann sind sie mitunter eins, zwei
verschwunden, verschluckt in einem Meer der Depression, einem Meer wie dem aus
Stanislaw Lems Solaris, einem irgendwie intelligenten, aber doch
unergründlichen. Medikamente können hier helfen, aber das "können"
meine ich sehr Ernst hier, denn sie füllen die tiefen Täler der Verzweiflung
mit den Trümmern aus den Bergspitzen der Euphorie, die gnadenlos abgeschnitten
wurden. Ein Depressiver mit Psychopharmaka fühlt sich immer gleich, nämlich etwa
50% so happy wie ein nicht-Depressiver, aber immer. Man gibt ihm
Psychopharmaka, weil man nicht will, dass er sich umbringt, wenn er wieder
einmal in den Strudel der unendlichen Trauer, des absoluten Nichts fällt, man
nimmt ihm aber die Möglichkeit, sich auf die Berge der Begeisterung zu
schwingen. Und vor allem stehen die meisten Leute vor einem absoluten Rätsel.
Sie können die Depression nicht verstehen, obschon sie sie ja für real halten.
Und das nagt an ihnen. Nein, Leute zu sehen, denen es so mies geht, ohne klaren
Anlass, das ist richtig schwierig. Man glaubt, dass das, was man sieht,
existiert, aber man kann es selbst nicht sehen. Es ist etwa so, wie wenn ich
Euch erkläre, dass ich die Protonen und Elektronen im Atomkern gesehen hätte,
und ihr es mir glaubt, weil ich keinen Müll erzähle, aber selbst niemals die
Möglichkeit hättet, solche Teilchen zu beobachten. Es lässt irgendwie
unbefriedigt zurück.
Mühsamer ist es bei den Aktiven, den Optimisten dieser Welt.
Sie überfahren die Realistischen mit einer Selbstverständlichkeit, die aus
ihrer Dummheit kommt. Sie glauben nur das, was sie sehen und das, was sie
glauben wollen. Typischerweise sind sie es, welche die Depressiven als
Simulanten bezeichnen. Ich muss sagen, ich wünsche Christoph Blocher zuweilen
eine zünftige Depression an den Hals. Nicht grad so, dass er sich umbringt
(sonst wird er zum Heiligen für seine Jünger), aber doch so, dass er darüber
reden kann und seine enorme Wirkung bei seinen Anhängern in die Richtung der
Akzeptanz der Depression entfalten kann. - Ist eine Depression, mit der jemand
wirbt, immer echt? Naja, ich schliesse nicht aus, dass irgend ein fehl
geleiteter Pseudokranker der Welt weismachen will, er sei depressiv, während er
damit nur werben will für irgend etwas. Oft kommt es kaum vor.
Wie kann man diese Hilflosigkeit überwinden und soll man das
überhaupt? Die zweite Frage ist einigermassen trivial, die meisten Menschen
beantworten sie sogleich mit Ja oder mit Nein. Den Leuten, welche die
Depression beseitigen wollen, indem sie die Depressiven beseitigen, wollen wohl
auch die Atome beseitigen, indem sie die Elementarteilchen beseitigen.
Probieren könnt ihr's ja mal. Wie aber lässt sich die Hilflosigkeit der
Menschen beseitigen? Eine grosse Frage, und ich bin nicht besonders gut darin, sie
zu beantworten. Ich denke, dass es hier keine kurze Lösung gibt, und oft gar
keine. Sorry, Leute, ich lasse Euch alleine mit der Frage. Sie ist einfach zuuu
gross.
Kann eine Depression aus einem guten Menschen einen noch
besseren machen? Nun, dies denke ich definitiv. Wie gut ein Mensch ist misst
sich auch am Grad der Empathie, zu der er fähig ist. Ich persönlich bin
überzeugt davon, dass die Depression in den meisten Fällen die Fähigkeit zur
Empathie erhöht. Hier habe ich genug hands-on-Erlebnisse gehabt. Menschen, die
vorher einigermassen coole, rationale Leute gewesen waren (oder die sich
zumindest als solche gesehen hatten), die stets rasch über Gefühlsausbrüche
hinweg gesegelt sind, wurden plötzlich zu mitfühlenden Wesen, die verstanden
hatten, dass andere eben nicht so forsch funktionieren wie sie es selbst getan
hatten. Diese Momente, wo aus Bulldozern plötzlich Daunendecken wurden, waren
immer wieder sehr berührend anzusehen.
Die Umkehrung, dass ein Empathiker ein Depressiver sein
soll, glaube ich natürlich nicht. Ich muss das nur erwähnen, weil gewisse
Zeitgenossen Probleme haben beim Verstehen von logischen Reversionen. Aus
A->B folgt nicht B->A (ja, der Schreiber dieser Zeilen hat leider auch
studiert fundamentale Mathematik mit heissem Bemühn...)
Aber kann ein depressiver Mensch ein schlechter Mensch sein?
Im Prinzip wohl ja. Eine Depression behütet einen Menschen vor zu viel
Wirksamkeit. Hitler war sicher nicht depressiv, Dschingis Khan nicht und
Abraham Lincoln nicht. Alle drei waren äusserst wirksam, was mit einer
Depression nicht gut überein geht. Die Welt mag also an Depression leiden, die
Depressiven werden sie nicht in den Untergang stürzen - solange es
nicht-Depressive gibt. Ein Depressiver kann schlecht sein, man merkt es aber
nicht. Wenn man einem Menschen sein Schlechtsein anmerkt, ist er wohl nicht
depressiv (ausser, man kennt ihn sehr gut).
Die Umkehrung interessiert mich hingegen eher: Ist ein guter
Mensch immer ein wenig ein Depressiver? Ich denke, dass das nicht
Verallgemeinerbar ist. Mutter Teresa, ein Prototyp eines guten Menschen, war
wohl kaum depressiv. Viele so genannt gute Menschen hatten durchaus depressive
Charakterzüge. Isaac Newton, der wie kaum ein zweiter unser Weltbild
veränderte, war depressiv, Winston Churchill, der den Weltkrieg gewann (ich
gebe zu, ich vereinfache das hier etwas sehr) und Mark Twain - um einmal einen
nicht-Briten zu erwähnen.
"Werden aus Narzissten je Depressive, und bleiben sie
dann narzisstisch oder ist Depression und Narzissmus gegenseitig ausschliessend?"
Naja. Ich denke, dass es zunächst einmal keine Regel gibt ohne Ausnahme. Unter
den Publicitysüchtigen Hollywoods sind jede Menge Depressiver vorhanden. Manch
ein verblassender Promi hat seinen Abstieg durch ein paar gezielte Bekenntnisse
in Schach zu halten versucht. Dennoch stellte ich immer wieder fest, dass auch
hochgradig Selbstverliebte beim Durchmachen einer Depression ihr ehemals so
zentrales eitles Gehabe stark begrenzen. Namen zähle ich hier nicht auf, wer
sie sucht, findet sie leicht in den Interwebs. Sind Depressive je Narzissten?
Ja, klar. Lady Gaga ist das Paradebeispiel hier. Die, depressiv??? Interwebs
helfen.
Aber dennoch: Ein Narzisst findet sich selbst ja unheimlich
toll und nachahmenswert (was natürlich kontraproduktiv ist - wenn alle so
werden wie Orlando, dann ist er ja nicht mehr einzigartig, und das kann er ja
nicht wollen...). Ein Depressiver tut das an sich nicht. Die Schnittmenge der
Menschen mit beiden Charakterzügen sollte also einigermassen klein sein.
Wie kann ein Nichtdepressiver einem Depressiven helfen? Hier
gibt es einige Zugänge, die in meiner Erfahrung hilfreich sein können. Zunächst
einmal fördert eine Depression oft den Abstieg in die Einsamkeit. Einen solchen
zu verhindern, hier ist ein Nichtdepressiver sehr gefragt. Zweitens ist es
wichtig, den depressiven Menschen anzuerkennen und seine Depression nicht als
show aufzufassen. Ein depressiver Mensch leidet. Wessen Bein abgehackt wurde,
leidet auch, aber das sieht man. Ein geistiges Leiden ist zwar unsichtbar aber
oft ebenso schlimm. Eine an ihn gerichtete Hilfe soll zudem so ernsthaft wie
möglich gemeint sein, nicht beiläufig sondern verbindlich. Man soll dem
Menschen zeigen, dass man ihn mag (wenn man das tut aber nur).
Sehr wichtig erscheint mir, dass der Auslöser der
Depression, und oft auch ihre Ursache (Ursache und Auslöser: zwei verschiedene
Dinge) eine Trauer über einen Verlust ist. Hilfreich ist es dann, an diesem
Verlust zu arbeiten. Man soll ihn nicht als pseudomässig und als
Stellvertreterleiden bezeichnen (Stellvertreter wofür?). Wenn die Depression
ein Arbeitsplatzverlust verursacht hat, muss daran gearbeitet werden, wenn
familiäre Probleme vorhanden sind, müssen diese angegangen werden. Ich habe
intime Kenntnis eines Falles, wo die gravierenden familiäre Vorgeschichte eines
Depressionspatienten von anderen, ihm an sich wohl gesonnenen,
Familienangehörigen über viele Jahre hinweg nicht Ernst genommen wurden und wo
sie immer wieder versuchten seine Probleme mittels unilateralen Interventionen,
also mittels Hilfestellungen und anderer Aktionen auf seiner Seite, zu lösen.
Er hat dieses Vorhaben als sinnlos angesehen und verglichen mit dem Versuch,
einen Beinbruch mit starken Schmerzmitteln zu behandeln. Während man so die
Schmerzen zeitweise durchaus verschwinden lassen kann, wird die Ursache, der
Beinbruch, natürlich nicht behoben. Hierzu braucht es eine Schiene, hier führt
kein Weg darum herum. Sonst kommen die Schmerzen immer zurück, wenn die Wirkung
der Schmerzmittel nachlässt. Ausserdem entstehen langfristige Störungen. Die
Analogie passt durchaus.
Ich habe in diesem Text versucht, einige Aspekte des Zugangs
zur Depression in der Gesellschaft zu erörtern. Das Thema konnte ich natürlich
nicht annähernd erschöpfend behandeln. Es ist enorm gross und der Leidensdruck
der Depressiven und auch ihres Umfelds riesig. Dank meines Einblicks in die
Sache (irgend einen Vorteil muss man ja haben...) konnte ich einige der für
mich wichtigen Themen anschneiden. Aber die Behandlung bleibt Stückwerk.
Entschuldigt bitte.
Warum schreibe ich und warum überlasse ich es nicht einem
Experten? Nun, einfach, weil ich es kann, wie ich ja schon sagte. Ausserdem
hoffe ich, dass Ihr das Thema etwas besser fassen könnt, wenn es von jemandem
kommt, den Ihr kennt. Tutto qua.