Ich danke ihr herzlich für ihren Beitrag!
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Sterben dürfen - nur eine kleine Geschichte
Samstag morgen, 06.30: das Telefon klingelt, es meldete sich eine Pflegefachfrau, die mich bittet, möglichst schnell zu Herrn Z zu kommen. Er habe nach mir gefragt und es ginge ihm sehr schlecht.
Ich besuchte Herrn Z seit einigen Monaten, erst zuhause, in den letzten Wochen im Spital. Er hatte schon lange an COPD gelitten, vor einem Jahr war ein Lungentumor diagnostiziert worden, danach in schneller Folge Metastasen.*
Herr Z war 87. Seine Frau starb vor zwei Jahren ganz unerwartet, sie war 15 Jahre jünger. Zwei Kinder aus erster Ehe, zwei Kinder aus der zweiten Ehe, man schien sich, wenn auch nicht zu lieben, zu respektieren. Nachdem seine Frau gestorben war, versank Herr Z immer mehr in Traurigkeit. Er lebte noch zuhause, kam auch zurecht, wurde aber mehr und mehr von der Spitex unterstützt, bis er vor einigen Wochen notfallmässig ins Spital eingeliefert wurde – er hatte einen leichten Schlaganfall erlitten. Einige der Kinder leben im Ausland, ein Sohn mit Familie in der Nähe. Während der Sohn, selber vor der Pensionierung stehend, ein eher distanziertes Verhältnis zum Vater hatte, bestand eine ganz spezielle Nähe zu den fast erwachsenen Enkelkinder.
Als ich das Spital erreichte, traf ich vor dem Eingang den Sohn und eine Tochter, die rauchten und mir kurz berichteten, was ich oben antreffen würde: eine Familie, mittlerweile waren fast alle Kinder eingetroffen, die diskutierend und streitend das Sterbezimmer des Vaters bevölkerten. Das bestätigte sich oben. Ich ignorierte alle und ging direkt zu Herrn Z. Er weinte, nahm meine Hand und sagte zu mir: ‚ Cara (sein Name für mich), Sie wissen, was ich will, nicht wahr? Ihnen habe ich es doch immer wieder gesagt. Bitte sagen Sie allen, dass sie mich gehen lassen sollen.‘
Der Raum kurz war still, aber gleich darauf gingen die Diskussionen weiter. Ich missachtete eines der höchsten Gebote der Sterbebegleitung, Nichteinmischung, und scheuchte alle hinaus. Draussen suchte ich einen freien Raum für uns alle, ging nochmals zu Herrn Z und sagte ihm, dass gleich wieder jemand bei ihm sein würde, gab ihm einen Kuss und bat dann den Arzt zu uns. Dieser erklärte, dass Herr Z sehr starke Schmerzen hatte (obwohl er schon seit einiger Zeit palliativ behandelt wurde), wiederholt geäussert hätte, dass man bitte die Maschinen, die ihn am Leben erhielten, abstellen sollte und dass er gehen wolle. Er habe dieses den Kindern vorgetragen und vorgeschlagen, dass man Herrn Zs Wunsch respektiere. Eine Tochter – die aus Australien angereist war – hatte ihr Veto eingelegt. Die anderen Geschwister versuchten sie lautstark davon abzubringen, Vorwürfe wurden laut, von religiösem Wahn war die Rede, die Situation eskalierte. Man bat mich, meinen Eindruck mitzuteilen und ich erklärte, dass ihr Vater mir immer schon gesagt hatte, dass er eigentlich schon seit dem Tod seiner Frau keinen Lebenswillen mehr hätte und dass er, wenn es zu Ende ginge, gehen möchte, dass keine ärztlichen Interventionen mehr stattfinden sollten. Ich fragte den Arzt, warum diese Diskussion überhaupt stattfand, denn Herr Z konnte ja seinen Wunsch noch selber äussern. Der Arzt, ein, man sah es, überforderter, höflicher junger Mann, sagte, es läge keine schriftliche Sterbeverfügung vor und man begäbe sich auf rechtliches Glatteis, wenn man gegen den Willen auch nur eines Angehörigen handle.
In diesem Moment ging eine der geliebten Enkelinnen auf ihre Tante zu und bat darum, ihren Grossvater gehen zu lassen. Die Tante war sichtlich berührt, sagte aber nichts.
Die Diskussionen gingen weiter und während des Tages ging ich weiter, als ich in meiner Rolle gehen dürfte. Ich wiederholte immer wieder, dass hier nur der Wunsch des Vaters zählen dürfe, dass er mündlich klare Anweisungen gegeben hätte. Herr Z war an diesem Tag nur noch zeitweise bei Bewusstsein und wurde sichtlich schwächer. Wir sorgten dafür, dass im Raum Stille einkehrte, dass nicht alle sich um sein Bett drängten. Ein Sohn von Herrn Z und ich luden die Tochter aus Australien zu einem Kaffee ein. Sie erzählte uns, dass sie sich sehr bedrängt fühle, dass sie eigentlich sehen könne, dass ihr Vater leide und man ihm seinen letzten Willen erfüllen solle, aber ihre Kirche erlaube Sterbehilfe nicht , die Schweiz und ihre liberalen Gesetze machten auch in Australien Schlagzeilen und seien ein Dauerthema. Wir sagten ihr, dass sie jedes Recht habe, ihrem Gewissen und ihren religiösen Ueberzeugungen nachzugehen, wenn es um sie selber ginge und fragten sie, ob sie nicht ein wenig bei ihrem Vater sitzen wolle, um sich zu überlegen, ob ihre Werte auch auf ihn übertragbar seien. Sie verbrachte längere Zeit allein bei ihrem Vater und stimmte dann der Abschaltung aller Maschinen zu. In den frühen Morgenstunden des nächsten Tages starb Herr Z, ganz friedlich, und jeder konnte mit eigenen Augen sehen, dass es gut war.
Eine kleine Geschichte aus meinen Alltag, die nur eine Facette des Themas Sterbehilfe beleuchtet. Sterbehilfe hat sehr viele Formen, diese Geschichte ist eine der unspektakuläreren, aber alle laufen auf eines hinaus: einem Menschen das Recht auf Selbstbestimmung gewähren.




