Im Andenken seines Vaters:
Eine Carte Blanche vom Tiger
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Mein Vater war bis zu seinem Tod 2009 Journalist im Tessin, und diesen Text habe ich von ihm geerbt. Geschrieben hat er ihn für eine Anthologie des Tessiner Journalismus, die erschien in den ersten Jahren dieses Jahrtausends (fragt mich nicht, genau wann). Übersetzt habe den Text ich, für die Abdankungsfeier in Sementina. Den Stil zu übersetzen ist schwierig, es ist mir sicher nicht immer ganz gelungen.
Viel Spass beim Lesen.
Tiger
Wenn Journalismus... magisch ist
Vom Vater vom Tiger († 2009)
Ins Deutsche übertragen vom Tiger
Vor vielen Jahren, als ich noch ein Kind war, fragten die Grossen oft die Kinder anderer Familien, was sie denn als Grosse machen wollten. Die Antwort war oft die Erwartete: “Ich will das werden, was mein Vater ist.”
Manchmal war das, was der Vater machte, aber so uninteressant, dass man auf “Reserveberufe” ausweichen musste. Und darum antworteten viele Kinder einfach mit “Pilot”. Pilot ist, klar, ein romantischer und gut bezahlter Beruf, ein Beruf, wo man viel unterwegs ist, stets in tadelloser Uniform, von allen respektiert und beneidet. Mit anderen Worten, was die Kinder da sagten war nichts anderes als eine Mischung der nicht sehr konkreten Träume der Kinder und der guten Wünsche der Eltern.
Mit der Zeit änderten sich die Antworten. Die Mädchen legten sich auf Assistenzberufe fest wie Krankenschwester, Ärztin oder vielleicht Tierärztin, später kamen dann Dinge hinzu wie “Showgirl” oder “Freundin eines Berühmten”; die Jungs, unter dem Eindruck der diversen “Groundings” von Swissair, Alitalia und so weiter, begruben das mit dem Fliegen, änderten ihre Ambitionen und wollten plötzlich, einige davon zumindest, Journalisten werden. Und genau das habe ich gemacht, nachdem ich mühselige Studien zum Architekten absolviert hatte – und zum Überdruss aller mich für einige Zeit sogar darauf kapriziert hatte, Pilot zu werden.
Ich gebe zu, dass ich mich glücklich schätze. Nachdem ich weder Architekt noch Pilot hätte werden können, änderte ich mit Hilfe von begabten und geduldigen Lehrern meinen Beruf auf Journalist – gerade noch rechtzeitig, bevor ich zum Opfer des ausserordentlichen Aufschwungs der universitären Fakultäten der “Kommunikationswissenschaften” wurde, von denen es mittlerweile allein in Italien 16 gibt. 16 Fakultäten, die heute bekannt sind als Erzeuger von ganzen Horden von... arbeitslosen Journalisten.
Aber was soll's... der Journalismus, so, wie wir ihn auch heute noch verstehen, ist auf dem Weg der Auslöschung. Denn neben dem allmählichen Niedergang der herkömmlichen Medienszene erleben wir das Erblühen der elektronischen Informationsmittel und den Aufstieg der Netzes alles Netze, ein Phänomen, das sich ins Absurde beschleunigt, ins Unkontrollierbare.
“Who killed the newspaper?” fragte der Economist, der verkündete, dass die Tage des Bedruckens von Papier mit Informationen gezählt sind. Eine reine Frage der Zeit. Der Grabstein stehe schon bereit, schrieb Philip Mayer, in “The Vanishing Newspaper”. “Noch zwanzig Jahre”, so Mayer, “und der letzte, erschöpfte Leser wird die letzte Zeitung zerknüllt wegwerfen.” Warum? Der Economist hat keine Zweifel: Das Internet wird unser Tod sein.
Nun, und das wären die Wünsche der Herausgeber des Werks gewesen, welches Sie in Händen halten, müsste ich Ihnen wohl etwas erzählen über die lange Zeit, die ich verbracht habe als Korrespondent in Südamerika, den USA, in Europa, Australien, Kanada sowie in vielen Ländern Afrikas und Asiens, ich sollte Ihnen ein paar meiner Abenteuer erzählen, versuchen, Sie mit einem Feuerwerk an Spezialeffekten zu verblüffen.
Nein. Ich werde einen anderen Weg beschreiten, den des Herzens, der Erinnerungen, in der Hoffnung, dass Sie daran Freude haben.
Ich habe stets gedacht, die Journalisten seien eine privilegierte... “Kaste”, weil wir – wie es der unvergessene Indro Montanelli, der Doyen des italienischen Journalismus, ausdrückte – weil wir bezahlt werden, das zu tun, was uns gefällt. Nach einem Leben, verbracht mit Schreiben und mit Reisen, muss ich allerdings einräumen, dass die ernüchterndsten und bleibendsten Erinnerungen nicht jene sind, die mit den Abenteuern verbunden sind, mit den Gefahren und Schmerzen, welche dieser Beruf Dir früher oder später zeigt, auf unseren vielen Reisen durch diese böse, hässliche Welt, die oft nicht die unsrige ist, die wir oft nicht verstehen und die uns oft nicht verstehen will.
Nein, die intensivsten, packendsten Momente sind gar nicht jene der Gefahren, der offenen oder versteckten Drohungen, der widrigen Arbeitsumstände, etwa in einer durch den eisernen Vorhang entzwei geschnittenen Welt, mit dem allgegenwärtigen kalten Krieg, mit dem Kampf der Religionen. Nein, was dir bleibt, was manchmal unvermittelt aus dem Gebirge der Erinnerungen an die Oberfläche drängt, wenn du eine kleine Bilanz ziehst, einfach so mal schnell, was dir bleibt, ist das kleine, intensive Ereignis, jenes, das dich bewegt hat, welches dich zu Tränen gerührt hat, zu jenen Tränen allerdings, die dir nur innen drin hinunterrinnen – denn einem gestandenen Reporter sind Tränen nicht gestattet. Ein gestandener Reporter hat alles gesehen und darf sich über überhaupt nichts mehr wundern.
So ist es allerdings nicht, so war es nie. Und wenn es so wäre, würde der Journalist einer der Grundfesten seines Berufs verlustig gehen, seines Zugangs zur Nachricht, der eigentlich stets ein Zugang zu den Personen ist, welche diese Nachricht erst erschaffen oder erleiden. Wer sich nicht mehr zu wundern vermag, wer das Mitgefühl verliert, hat verloren. Denn wer selbst unbewegt bleibt, wird auch seine Leser nicht bewegen können. Und was für ein Journalist ist jener, der es nicht schafft, die Leser zu berühren, mit seinen Worten an ihr Herz zu rühren, ein wenig zumindest?
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Folgen Sie mir jetzt bitte, wenn ich drei kurze und bewegende Geschichten erzähle, Geschichten, die oft passieren, während man eigentlich etwas ganz anderes vorhat, nämlich über ein grosses Ereignis zu berichten, wozu man ja gerade in ein fernes Land gekommen war. Manchmal, jedoch, geschehen diese Geschichten gleich um die nächste Ecke.
Bill, ein 50-jähriger Obdachloser in San Francisco, wo ich mich für ein Grossereignis eine Woche aufhielt, hatte sich angewöhnt, in meinem Mietauto auf dem Parkplatz meines Hotels zu übernachten. Er hatte mich vorher sehr nett, mit viel Würde darum gebeten: Lass mich in Deinem Auto übernachten, bitte, ich habe sonst nichts und ich will sonst auch nichts. Mein Name ist Bill... und er streckte eine bleiche Hand aus, knochig, und etwas dreckig. Ich bitte Dich, ich wäre Dir dankbar. Er hatte mir eine wenig wahrscheinliche Geschichte erzählt, er sei ein ehemaliger Hochschulprofessor, den das Leben ausgespuckt hatte, direkt auf das Trottoir der Union Street, wo er seither lebte. Am nächsten Morgen musste ich ihn wecken, aber er hatte eine Überraschung für mich: zwei Tageszeitungen, wohl gerade frisch geklaut. Er schlief die ganze Woche in meinem “Hotel”, und jeden Abend servierte er mir eine neue Lektion: Genau mit dem richtigen Pathos zitierte er Verse grosser amerikanischer Dichter. Auswendig tat er dies, und dann ging er sogar dazu über, Cesare Pavese und Salvatoro Quasimodo zu zitieren. Der Penner war wieder zu dem geworden, was er stets gewesen war: ein sensibler, vom Leben misshandelter Mann. Ich versuchte, ihm ein kleines Bisschen Wärme zu geben, und er war sehr dankbar dafür. Wir verabschiedeten uns, für immer, mit feuchten Augen. Ohne zurückzuschauen.
Lassen Sie mich dann erzählen von dem, was mir geschehen ist vor einigen Jahren, in einer Primarschulklasse in Lugano Loreto. Vermittelt von ihrer Lehrerin Raffella, im Rahmen eines Programms, wo diverse Berufe gezeigt wurden zeigte ich Kindern von sieben oder acht Jahren die Magie der Zeitungen. Ausgerüstet mit einer Digitalkamera und einem Notebookcomputer schrieb ich direkt vor Ort einen Artikel über den Journalismus, über die Schule und über die Kinder, mit denen ich mich unterhielt. Und ich fotografierte sie auch. Dann packte ich alles zusammen und schickte es einer Tessiner Tageszeitung, die es veröffentlichte. Und als ich am nächsten Morgen in die Klasse zurückkehrte, stand ich vor Kindern, die verblüfft waren über die “Magie”, der sie beigewohnt hatten, Kindern, die knapp lesen konnten, aber die mit grosser Aufmerksamkeit den Artikel gelesen hatten. Es wurde ein grosses Hallo, viele Fragen, vermischt mit dem steten Satz “Wenn ich gross bin, will auch ich Journalist werden.” Welche Sprachen muss man lernen? In wie vielen Ländern bist du gewesen, mit wieviel Jahren hast du angefangen? Und dann kam die Fragen aller Fragen: Wieviel verdient man als Journalist? Ach, wieviel verdient man... gerade sieben Jahre alt, schon ein bisschen Journalist, aber sehr wohl schon Schweizer...
Lassen Sie mich noch eine dritte Anekdote hinzufügen. In Prag, am Ende der 70er Jahre, am späten Ende eines festlichen Abends, ich fuhr gerade zurück mein Hotel, in eines jener typischen Hotels der kommunistischen Zeit: Lächerlich gross, mit absurden Verzierungen, dicken Vorhängen und über allem ein Duft von gekochtem Kohl. Und am Rand der Strasse nahm ich ein Gespenst wahr, das Autostop machte. Ich hielt an: sie waren zu zweit, seit wenigen Stunden verheiratet, er im Anzug, sie im Hochzeitskleid. Sie suchten ein Taxi, seit einer geschlagenen Stunde, erfolglos. Sie fanden mich, und ich brachte das... Gespenst und seinen Ehemann in ihre kleine Wohnung nach Strare Mesto in der Altstadt. Ein schönes Hochzeitsgeschenk, sagte er mir: die Eingeladenen waren abgezogen und niemand hatte an sie gedacht, und ein Taxi im Jahr 1978, in Prag... Angekommen, luden sei mich zu sich ein, und wie es die lokalen Sitten gebieten, gaben sie mir das übrig gebliebene Stück der Hochzeitstorte, das sie in einem Karton mitgenommen hatten. Keine Torte war jemals so köstlich gewesen wie jene in Prag. Danach folgte ein warmer Abschied mit einer kleinen Träne. Danke Marija, danke Václav, fast nur Eure Namen sind mir von Euch geblieben, weil das Leben weitergeht, und manchmal geht es schlecht weiter. Geblieben ist mir auch der Geschmack jener Hochzeitstorte, der besten meines ganzen Lebens.