Liebe in Zeiten des WWW
Ich danke Marie herzlich für diesen Beitrag!
Virtuelle Sinnlichkeit
Von Marie
Sich auf eine unromantische Weise an die Liebe anzunähern, ist ein schwieriges Unterfangen, denn der Begriff ist in unserer Kultur einerseits stark von der christlichen Sichtweise geprägt und artete im Zeitalter der sprichwörtlichen Romantik zum Kontrastprogramm aus. Und beides dominiert uns heute noch. Die Sehnsucht auf ein besseres, liebevolleres, gefühlvolleres Leben in harten Zeiten hält an. Nichts Modernes, nichts Neues also? Ein Aspekt, der einerseits gesellschaftlich auf Ablehnung stösst, gleichwohl aber zu faszinieren vermag, ist die Suche nach Liebe, nach zwischenmenschlichen Beziehungen im Internet.
Die Generation Internet wächst damit ganz natürlich auf. Wir hatten Radio, Rekorder, Fernseher, Video. Auch hier warnten Experten vor dem Verludern der Jugend und das Abstumpfen des Geistes bei zu hohem Konsum dessen (was durchaus seine Berechtigung hat/hatte). Doch ist die heutige Kritik an das Internet, so viele Welten sie uns auch beschert und damit bereichern kann, so viele Reisen in ungeahnten Gefilden mitsamt den unvorhersehbaren Folgen, genauso gerechtfertigt? Denn Bewusstsein, Wahrnehmung und menschliche Beziehungen werden dadurch zeitweilig aufs neue einschneidend verändert! Ob wir wollen oder nicht. Immerhin entstehen doch auch, fast wie in der Literatur, im Internet erfundene, wunderbar phantasievoll erfüllte Räume, auch abenteuerliche, die sonst nie möglich gewesen wären. Es kommt freilich auf den Mut und die Substanz an, die da freigesetzt werden und dabei weltweit ein globaler, immaterieller, neuer gesellschaftlicher Raum entstehen lassen. Jedenfalls kann ein freier gemeinsamer Innenraum entstehen, wo Verborgenes, Intimes ausgetauscht wird, wo eine gefährliche Berührung der Seelen stattfindet, die weder in der Familie, noch in normalen Freundschaften möglich ist. Weder Aussehen, Alter, noch Hemmungen und Schüchternheit oder soziale Unterscheide spielen im Internet eine Rolle. Anonymität heisst das Zauberwort. Auf einmal kann man über Themen diskutieren, die nicht denkbar wären, sähe man sich dabei in die Augen. Je nach Projektion des anderen wird nach eigenen Träumen und Wünschen erschaffen. Jedoch treffen diese Traumwesen bei einer realen Begegnung sehr oft hart und gnadenlos auf die physische und soziale Wirklichkeit.
Die Kommunikationswissenschaftler sind sich einig, dass „wegen der physischen Ferne im Netz zwischen Menschen eine besondere gedankliche Nähe entsteht“ und dabei kann „die eigene Identität phantasievoll gestaltet werden“. Wem im wirklichen Leben der Mut fehlt, sich zu outen, der findet im Internet Gleichgesinnte und kann sogar über den erotikbezogenen Erfahrungsaustausch hinaus viele Beziehungen eingehen, die für ihn verloren gewesen wären, hätte es das Internet nicht gegeben. Ein guter Freund von mir, bekennender Surfer auf zweckdienlichen Internet-Plattformen, vertraute mir vor einiger Zeit an, diese Dienstleistung für die Flucht aus seiner Ehehölle, zu beanspruchen, übrigens genau wie viele andere. Seine Flucht begründete er damit, aus den Zumutungen des neuen Kapitalismus mit seiner Gier nach Flexibilität und Mobilität, den natürlichen Feinden von Liebe, Partnerschaft, Familie und den daraus entstehenden Konflikten, zu entfliehen. Zudem macht ihm die Einsicht und die Verbindlichkeit einem anderen die ganze Welt zu bedeuten, das Leben schwer, würde ihn überfordern. Auf diesen Plattformen fiel ihm unter anderem auf, wie sensibel und absolut die inserierenden Frauen in ihrer Erfüllungssehnsucht sind, besonders lebenshungrig. Das erotische Geschehen ist allerdings nur Instrument für jene Sehnsucht (Er trifft sich übrigens selten mit diesen Frauen und über die inserierenden Männer konnte er keine weitereren Aussagen machen.). Die romantische Chatbeziehung verkommt fast zu einem realen Traum. Das erinnert markant an Michel de Montaignes Geisteshaltung des Sprunghaften, es sei so viel Schönheit da in diesen frischen Seitensprüngen und Wechseln, und am meisten da, wo sie nach „Lässigkeit und Zufall aussehen“. Dazu kommt die körperliche Abwesenheit des anderen, was die Angst vor leiblichem Versagen, ansteckenden Krankheiten, ungewollter Schwangerschaft oder sexuellen Übergriffen usw überflüssig macht. Doch geht es hier nicht um eine ganz neue Tendenz in den Beziehungen und um eine neue Zeit in dieser Substanz? Es ist schwierig, ambivalent, diese neue Treulosigkeit fassen zu wollen, sie ist des einen Freud, des anderen Leid, ist moralisch nicht festzumachen, weil sie selbst mit dieser Unfassbarkeit spielt. Wir sind dafür nicht geschaffen, jedenfalls die meisten nicht. In der Liebe und Sinnlichkeit ist es am bittersten und dramatischsten spürbar, äusserst problematisch, weil sich Schein und Sein, Betrug und Echtheit im Internet vermischen und diese Vermischung, die es in der Liebe immer schon gab, sich enorm steigern lässt, und zwangsläufig in Absurditäten endet. Jetzt aber erreicht diese Geisterwelt die Sinne, ein neuer immaterieller Raum entsteht im Internet, der aber wie ein Blitz auf das dafür unvorbereitete menschliche Biotop trifft, das nicht weiss, wie ihm geschieht, was es aushalten muss. Und dieses Leid ist vor allem verheerend in der Erotik und Liebe, wenn sie über dieses körperlose Gerät vermittelt werden. So werden von diesem neuen Medium viele zur Wahlmöglichkeit verführt, und es entsteht dabei genug Elend, weil die Weisheit dieser Einsicht heute (noch) nicht funktioniert.
Wenn die ganze Welt eine Bühne ist, wie Shakespeare sagt, und wenn uns eine Welt bevorsteht, die zu einem elektronischen Medienraum wird, wie McLuhan prophezeit, und wenn die virtuellen Datennetze der Zukunft jeden einzelnen in die Lage versetzt, an jedem beliebigen Ort jede beliebige Rolle in jedem Cyberspace zu spielen, was werden wir dann… tun?