Hier der dritte Teil von Tigris Essay zum Thema.
Die Symbolbilder hat fufi eingefügt.
Die Symbolbilder hat fufi eingefügt.
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Die folgenden Abschnitte sind stark biographisch geprägt und
mögen unnötig selbstbespiegelnd wirken, aber sie zeigen mich in einem gewissen
Detail und sie können als Illustration dienen für das, was folgt. Das
Überspringen der nächsten paar Abschnitte ist ohne Verlust möglich (und jeder
von Euch, der irgendwann findet, das sei jetzt doch zuviel der Information,
soll skippen bitte, ich will niemandem zu nahe treten).
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Soo, hier etwas von innen, highly subjektiv natürlich und
ohne jeglichen Allgemeingültikeitsanspruch.
Als 25-Jähriger war ich überaus leistungsfähig. Mein
Erststudium war sehr anspruchsvoll und aufwendig gewesen, es wurde und wird
heute noch als "schwierig" erachtet. Ich hatte zwar, wie die meisten
meiner erfolgreichen Mitstudenten, eine einigermassen schlanke Art und Weise
der Erledigung der Arbeit entwickelt, aber unter dem Strich war ich sehr
fleissig. Ich erledigte das Studium auch in der Mindeststudienzeit, nur leicht
verlängert durch ein Semester, das ich rein aus finanziellen Gründen einschieben
musste.

Die Erfahrung der Arbeitswelt danach war für mich von der Komplexität
her ein absoluter "Downgrade", meine Aufgaben in der Wirtschaft
erwiesen sich als konsistent viel leichter als jene an der Hochschule. Meine
Chefs waren in den meisten Fällen keine intellektuellen Riesen. Sie hatten ihre
Stellung (von Ausnahmen abgesehen) gewissen nützlichen Persönlichkeitsmerkmalen
(vor allem der Demonstration von Coolness und der ausgeprägten Fähigkeit, die
Relevanz von Fakten zu beurteilen und sich auf die wesentlichen Dinge zu
konzentrieren sowie die weniger zentralen Gegebenheiten vollkommen aussen vor
zu lassen) zu verdanken und nicht ihrem Fachwissen und -können. Dies war eine
Enttäuschung.


Eine prägende Enttäuschung, die meine Hochachtung vor der Wirtschaft
stark beschädigt hat (ja, und noch mit 25 Jahren war ich bereit gewesen, die
Wirtschaft zu achten).
Mit knapp 45 Jahren startete ich ein Zweitstudium, und meine
Persönlichkeit hatte sich gewandelt. Ich merkte, wie ich deutlich weniger
leistungsfähig war. Insbesondere bei intellektuell schwierigen Arbeiten kam ich
relativ rasch an Grenzen, wo ich meine Leistungsfähigkeit verlor. Ich spreche
nicht von Phantasie, vom Zugang zu Erfahrungen und zu Wissen. Diese Sachen
funktionierten nach wie vor blendend. Ich spreche vom Durchhaltewillen, neue
Themen anzugehen und durchzuziehen. Es funktionierte aber nicht einfach nicht.
Nein, es brauchte einfach deutlich mehr Energieeinsatz als früher und mitunter
ein bisschen Hilfe meiner Freunde (isn't it, Ringo?), und ich konnte ihnen
manchmal auch etwas zurückgeben. Gegen Ende einer mehrwöchigen
Konzentrationsphase war ich dann manchmal zwar noch fieberhaft am Arbeiten,
aber für Dinge, die ich sonst in zwanzig Minuten erledigt hatte, brauchte ich
plötzlich eine Stunde und mit der Zeit sogar diverse Stunden - und die
Resultate waren dennoch oft unbefriedigend.

Diese Veränderung machte mir und
macht mir heute noch sehr zu schaffen, sie liess mich diverse Male schon an mir
zweifeln. Ich bin sozial kein Ekel und habe, wie erwähnt, mehrere gute Freunde
unter den Mitstudenten, welche es mir ermöglichen, im Studium Schritt zu
halten, auch, wenn es mir schlecht geht. Allerdings ist es ja mein Studium, und
ich habe den Grossteil der Arbeit selbst zu erledigen, was natürlich normal und
erwünscht ist.
Je näher ich war am Ende meiner Leistungsfähigkeit desto
stärker lief ich gewissermassen auf Autopilot. Ich war irgendwie als Zombie
unterwegs, und das war für mich recht beschämend (obschon ich überhaupt keine
schamhafte Person bin). Dieser Zustand führte dazu, dass sich mein Studium
zeitweise verschluckte und dass ich eine Pause einlegen musste. Ich bin im
Moment nicht in der Lage, zu beschreiben, ob ich fähig bin, das Studium
wirklich zu beenden. Wahrscheinlich, denke ich heute, geht das. Aber sicher
geht es nicht in der minimalen Studienzeit.
Ich weiss, dass ich in den späten Achtzigern wohl einer der
allerbesten Studenten gewesen wäre. Ich sage dies ohne Eigenlob (was sicher
klar ist, da es mich ja heute nicht mehr beschreibt). Ich war damals,
Motivation vorausgesetzt, sehr leistungsfähig und erledigte auch grosse,
schwierige Arbeitslasten in kurzer Zeit. Ich war schon damals kein
Marathonarbeiter, fünfzehn Stunden am Stück arbeitete ich damals kaum je (ich
erinnere mich an genau ein solches Vorkommnis, allerdings verdiente ich damals,
parallel zum letzten Semester des Informatikstudiums, in einem Tag und einer
Nacht mit einer Übersetzung vom Italienischen ins Deutsche genug Geld, um mich
mehrere Monate durchzuschlagen, was für mich genug Motivation bot, so einen
Spezialeffort einzuschalten). Ich war eher der Sprinter, der bei einem Sprint
so viel schaffte wie andere in einem Marathon - der ja eben nicht meins gewesen
wäre. An meiner damaligen Stelle schrieb ich grosse Programme in kurzer Zeit,
einmal innert vier Monaten eines mit rund 40000 Zeilen C. Das sind rund 500
Zeilen am Tag, also locker das zehnfache eines Programmierers sonst.
Ich bekam
danach auch psychosomatische Probleme vom Stress, meine Sicht begann plötzlich
sehr schlecht zu werden, mich plagte ein jähes und gleichzeitig zähes und
schweres Nasenbluten. Meine Vedauung funktionierte im Sommer 1997 plötzlich
nicht mehr und ich war mehrere Tage vollständig ans Bett gefesselt.
Meine Umgebung soll das nicht gross beeindrucken, das will
und brauche ich nicht. Es gibt die Leute, denen fremde Anerkennung wichtig ist,
mir ist sie es nur in geringem Ausmass. Ich will nicht verachtet werden, das
mag ich gar nicht. Ich möchte, dass mich die Leute mögen, wegen der Person, die
ich bin, weil ich jemand bin, den sie mögen können, weil er ehrlich ist und
anständig, lustig und nachdenklich, ein Loner und ein geselliger Mensch.
Grosszügig vor allem und beinahe unendlich tolerant. Aber vor allem bin ich
wohl mittlerweile ein Depressiver geworden, geprägt durch mehrere hässliche
Ereignisse in meinem Leben. Ja, ich weiss, im Vergleich zu einem christlichen
Flüchtling im Irak, zu einem Juden in Warschau 1939 oder einem schwarzen
Strassenkehrer in Pretoria 1965 geht es mir sehr gut und ich habe keinen Anlass
zur Depression. Und wenn ich mich vergleiche mit dem Innerschweizer Mädchen,
das ich kenne, das als Kind in den Siebzigern an Männer zur Benutzung vermietet
wurde - und wo die Täter, wohl zu einem rechten Teil angesehene und konstituierende
Bewohner der Innerschweizer Stände, immer noch fröhlich auf den Strassen
herumlaufen, während das Mädchen sich versucht hat, umzubringen...

Dass die Depression nicht aufgrund eines Anlasses auftritt
ist wichtig, festzuhalten. Eine Depression kommt, und sie kommt ziemlich
eindeutig, und es gibt keine Möglichkeit, sie zu relativieren. Es ist nicht die
Frage, ob man eine Stimmungsschwankung als Depression etikettiert oder nicht -
eine Depression ist eine definierende Stimmungsschwankung, DIE Stimmungsschwankung.
Derart definierend, dass sie in der sie besitzenden Person manchmal das einzige
verbleibende Persönlichkeitsmerkmal ist. Und dann kommen die guten Tipps, man
solle sich doch zusammenreissen. Zusammenreissen. Das braucht natürlich viel
Kraft, und solche hat ein Depressiver definitiv nicht. Ja, und manchmal kann
man den Zusammenbruch hinauszögern durchs Zusammenreissen. Und wenn er dann
kommt, kommt er umso stärker.
Keeping a stiff upper lip can be deadly.
2 Kommentare:
Reiss dich zusammen!
Nimm endlich deinen Finger aus dem Arsch!
Wie gut ich diese "Aufmunterungen" kenne.
Am Schlimmsten sind sie, wenn sie von sogenannten "körperlich Behinderten" kommen!
Von Gesetzes wegen muss jetzt ja, wegen der Gleichstellung, alles Behindertengerecht eingerichtet sein.
Und das, was sie damit meinen, betrifft nur körperlich Behinderte, und lässt sich mit baulichen Massnahmen verwirklichen.
Für "Geistig Behinderte" machen sie "Nischenarbeitsplätze".
Aber für uns "seelisch Behinderte" tun sie nichts!
WIR fallen durch jedes Netz, direkt auf den Betonboden.
BUMM!
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