Sonntag, 21. September 2014

Depression - zum 3tten


Hier der dritte Teil von Tigris Essay zum Thema.
Die Symbolbilder hat fufi eingefügt.
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Die folgenden Abschnitte sind stark biographisch geprägt und mögen unnötig selbstbespiegelnd wirken, aber sie zeigen mich in einem gewissen Detail und sie können als Illustration dienen für das, was folgt. Das Überspringen der nächsten paar Abschnitte ist ohne Verlust möglich (und jeder von Euch, der irgendwann findet, das sei jetzt doch zuviel der Information, soll skippen bitte, ich will niemandem zu nahe treten).

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Soo, hier etwas von innen, highly subjektiv natürlich und ohne jeglichen Allgemeingültikeitsanspruch.


Als 25-Jähriger war ich überaus leistungsfähig. Mein Erststudium war sehr anspruchsvoll und aufwendig gewesen, es wurde und wird heute noch als "schwierig" erachtet. Ich hatte zwar, wie die meisten meiner erfolgreichen Mitstudenten, eine einigermassen schlanke Art und Weise der Erledigung der Arbeit entwickelt, aber unter dem Strich war ich sehr fleissig. Ich erledigte das Studium auch in der Mindeststudienzeit, nur leicht verlängert durch ein Semester, das ich rein aus finanziellen Gründen einschieben musste.
Hauptgebäude der ETH Zürich


Die Erfahrung der Arbeitswelt danach war für mich von der Komplexität her ein absoluter "Downgrade", meine Aufgaben in der Wirtschaft erwiesen sich als konsistent viel leichter als jene an der Hochschule. Meine Chefs waren in den meisten Fällen keine intellektuellen Riesen. Sie hatten ihre Stellung (von Ausnahmen abgesehen) gewissen nützlichen Persönlichkeitsmerkmalen (vor allem der Demonstration von Coolness und der ausgeprägten Fähigkeit, die Relevanz von Fakten zu beurteilen und sich auf die wesentlichen Dinge zu konzentrieren sowie die weniger zentralen Gegebenheiten vollkommen aussen vor zu lassen) zu verdanken und nicht ihrem Fachwissen und -können. Dies war eine Enttäuschung.
Gebäude der UBS in New York


Eine prägende Enttäuschung, die meine Hochachtung vor der Wirtschaft stark beschädigt hat (ja, und noch mit 25 Jahren war ich bereit gewesen, die Wirtschaft zu achten).

Mit knapp 45 Jahren startete ich ein Zweitstudium, und meine Persönlichkeit hatte sich gewandelt. Ich merkte, wie ich deutlich weniger leistungsfähig war. Insbesondere bei intellektuell schwierigen Arbeiten kam ich relativ rasch an Grenzen, wo ich meine Leistungsfähigkeit verlor. Ich spreche nicht von Phantasie, vom Zugang zu Erfahrungen und zu Wissen. Diese Sachen funktionierten nach wie vor blendend. Ich spreche vom Durchhaltewillen, neue Themen anzugehen und durchzuziehen. Es funktionierte aber nicht einfach nicht. Nein, es brauchte einfach deutlich mehr Energieeinsatz als früher und mitunter ein bisschen Hilfe meiner Freunde (isn't it, Ringo?), und ich konnte ihnen manchmal auch etwas zurückgeben. Gegen Ende einer mehrwöchigen Konzentrationsphase war ich dann manchmal zwar noch fieberhaft am Arbeiten, aber für Dinge, die ich sonst in zwanzig Minuten erledigt hatte, brauchte ich plötzlich eine Stunde und mit der Zeit sogar diverse Stunden - und die Resultate waren dennoch oft unbefriedigend.
Verzweiflung


Diese Veränderung machte mir und macht mir heute noch sehr zu schaffen, sie liess mich diverse Male schon an mir zweifeln. Ich bin sozial kein Ekel und habe, wie erwähnt, mehrere gute Freunde unter den Mitstudenten, welche es mir ermöglichen, im Studium Schritt zu halten, auch, wenn es mir schlecht geht. Allerdings ist es ja mein Studium, und ich habe den Grossteil der Arbeit selbst zu erledigen, was natürlich normal und erwünscht ist.

Je näher ich war am Ende meiner Leistungsfähigkeit desto stärker lief ich gewissermassen auf Autopilot. Ich war irgendwie als Zombie unterwegs, und das war für mich recht beschämend (obschon ich überhaupt keine schamhafte Person bin). Dieser Zustand führte dazu, dass sich mein Studium zeitweise verschluckte und dass ich eine Pause einlegen musste. Ich bin im Moment nicht in der Lage, zu beschreiben, ob ich fähig bin, das Studium wirklich zu beenden. Wahrscheinlich, denke ich heute, geht das. Aber sicher geht es nicht in der minimalen Studienzeit.

Ich weiss, dass ich in den späten Achtzigern wohl einer der allerbesten Studenten gewesen wäre. Ich sage dies ohne Eigenlob (was sicher klar ist, da es mich ja heute nicht mehr beschreibt). Ich war damals, Motivation vorausgesetzt, sehr leistungsfähig und erledigte auch grosse, schwierige Arbeitslasten in kurzer Zeit. Ich war schon damals kein Marathonarbeiter, fünfzehn Stunden am Stück arbeitete ich damals kaum je (ich erinnere mich an genau ein solches Vorkommnis, allerdings verdiente ich damals, parallel zum letzten Semester des Informatikstudiums, in einem Tag und einer Nacht mit einer Übersetzung vom Italienischen ins Deutsche genug Geld, um mich mehrere Monate durchzuschlagen, was für mich genug Motivation bot, so einen Spezialeffort einzuschalten). Ich war eher der Sprinter, der bei einem Sprint so viel schaffte wie andere in einem Marathon - der ja eben nicht meins gewesen wäre. An meiner damaligen Stelle schrieb ich grosse Programme in kurzer Zeit, einmal innert vier Monaten eines mit rund 40000 Zeilen C. Das sind rund 500 Zeilen am Tag, also locker das zehnfache eines Programmierers sonst.


Ich bekam danach auch psychosomatische Probleme vom Stress, meine Sicht begann plötzlich sehr schlecht zu werden, mich plagte ein jähes und gleichzeitig zähes und schweres Nasenbluten. Meine Vedauung funktionierte im Sommer 1997 plötzlich nicht mehr und ich war mehrere Tage vollständig ans Bett gefesselt.

Meine Umgebung soll das nicht gross beeindrucken, das will und brauche ich nicht. Es gibt die Leute, denen fremde Anerkennung wichtig ist, mir ist sie es nur in geringem Ausmass. Ich will nicht verachtet werden, das mag ich gar nicht. Ich möchte, dass mich die Leute mögen, wegen der Person, die ich bin, weil ich jemand bin, den sie mögen können, weil er ehrlich ist und anständig, lustig und nachdenklich, ein Loner und ein geselliger Mensch. Grosszügig vor allem und beinahe unendlich tolerant. Aber vor allem bin ich wohl mittlerweile ein Depressiver geworden, geprägt durch mehrere hässliche Ereignisse in meinem Leben. Ja, ich weiss, im Vergleich zu einem christlichen Flüchtling im Irak, zu einem Juden in Warschau 1939 oder einem schwarzen Strassenkehrer in Pretoria 1965 geht es mir sehr gut und ich habe keinen Anlass zur Depression. Und wenn ich mich vergleiche mit dem Innerschweizer Mädchen, das ich kenne, das als Kind in den Siebzigern an Männer zur Benutzung vermietet wurde - und wo die Täter, wohl zu einem rechten Teil angesehene und konstituierende Bewohner der Innerschweizer Stände, immer noch fröhlich auf den Strassen herumlaufen, während das Mädchen sich versucht hat, umzubringen...
Diese drei Mädchen haben offensichtlich viel Spass am «Priis-Chlefele» 2012.


Dass die Depression nicht aufgrund eines Anlasses auftritt ist wichtig, festzuhalten. Eine Depression kommt, und sie kommt ziemlich eindeutig, und es gibt keine Möglichkeit, sie zu relativieren. Es ist nicht die Frage, ob man eine Stimmungsschwankung als Depression etikettiert oder nicht - eine Depression ist eine definierende Stimmungsschwankung, DIE Stimmungsschwankung. Derart definierend, dass sie in der sie besitzenden Person manchmal das einzige verbleibende Persönlichkeitsmerkmal ist. Und dann kommen die guten Tipps, man solle sich doch zusammenreissen. Zusammenreissen. Das braucht natürlich viel Kraft, und solche hat ein Depressiver definitiv nicht. Ja, und manchmal kann man den Zusammenbruch hinauszögern durchs Zusammenreissen. Und wenn er dann kommt, kommt er umso stärker.

Keeping a stiff upper lip can be deadly.


2 Kommentare:

Eine schwer Depressive hat gesagt…

Reiss dich zusammen!
Nimm endlich deinen Finger aus dem Arsch!
Wie gut ich diese "Aufmunterungen" kenne.

Am Schlimmsten sind sie, wenn sie von sogenannten "körperlich Behinderten" kommen!

Eine schwer Depressive hat gesagt…

Von Gesetzes wegen muss jetzt ja, wegen der Gleichstellung, alles Behindertengerecht eingerichtet sein.
Und das, was sie damit meinen, betrifft nur körperlich Behinderte, und lässt sich mit baulichen Massnahmen verwirklichen.
Für "Geistig Behinderte" machen sie "Nischenarbeitsplätze".

Aber für uns "seelisch Behinderte" tun sie nichts!
WIR fallen durch jedes Netz, direkt auf den Betonboden.
BUMM!

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