Samstag, 6. September 2014

Depression II

Dies ist der zweite Teil von Tigris Beitrag zum Thema Depression
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"An manchen besonders dunklen Tagen konnte ich nicht einmal aus dem Bett aufstehen. Kleine Probleme wurden plötzlich unlösbar, und so hab ich mich einfach vor der Normalität versteckt. Es erschien damals einfacher, sich aus dem Leben wegzuducken. Es war eine sehr dunkle und schlimme Zeit."
Sheryl Crow



Zugänge
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Grob kann man die Reaktionen einteilen in:
a) "Depression" gibt es gar nicht. "Depressive" sind selbstbemitleidende Scheinkranke.
b) Depressive sind arme Kranke. Eine Depression ist so was wie eine Totalinvalidität.
c) Eine Depression ist etwas Seltsames und praktisch nicht Fassbares.
d) Depressive haben in diversen Bereichen Begrenzungen, die so genannt nicht-Depressive nicht haben.
Es existieren natürlich Fälle, wo Leute in unterschiedlichen Situationen und bei unterschiedlichen Betroffenen unterschiedliche Reaktionen zeigen. Das hängt natürlich stark davon ab, wie ein Depressiver wirkt, ob er offenkundig stark betroffen ist oder ob sein Leiden eher oberflächlich ist. Ebenso unterscheiden sich Depressive ja stark in ihrem Wesen (wie es auch nicht Depressive natürlich tun). Über gewisse Verhaltensweisen, welche Depressive tendenziell teilen, weiter unten.

La depression n'existe pas

Alle dieser Zugänge sind nicht unproblematisch, der letzte davon ist der nützlichste. Der erste Zugang ist derjenige, welche in der politischen Rechten bei Leuten, denen eigene Anschauung fehlt, wohl vorherrscht. Diese Leute wissen nicht, wie sie über die Depression anders nachdenken können als mit Abwehr. Sie behaupten nicht immer und ausschliesslich, die Depression existiere nicht, aber doch meistens, und immer, wenn der Adressat ihrer Äusserungen die Öffentlichkeit ist (die von mir so genannte Arena-Radikalisierung, nach der Fernseh-Diskussionssendung). Das beim Auftreten sofort erfolgte Outing der SVP-Exponentin Natalie Rickli als Depressionskranke (sie hatte ein Burnout, welches ja nichts anderes ist als eine Depression [oder unter Umständen eine Vorstufe davon] mit bestimmten Eigenheiten) hat hier mit Sicherheit viel bewirkt. Das SVP-Mitglied hat gesehen, dass auch eine anscheinend unbesiegbare SVP-Hardlinerin eine Depression bekommen kann und dass sie die Heilung nicht grundlegend zu einer anderen Person macht. Rickli ist immer noch SVPlerin. Ihre Affinität zu linken Positionen ist sehr klein. Ich finde das zwar einerseits etwas schade, weil ich Rickli als sympathisch erachte, bin aber sehr froh um ihre eindeutig rechte Positionierung, weil es der Wahrnehmung der Depression in der sich als rechts einstufenden Bevölkerung hilft. Natalie Rickli hat hier mit Sicherheit viel bewirkt.

Les déprimés sont des pauvres malades

Der Zugang zu Depressiven als "arme Kranke" ist natürlich sehr unergiebig und zum Glück auf dem Rückzug. Er ist auch völlig falsch. Ein Depressiver ist ja wirklich jeden Tag anders "drauf". Er hat Tage, wo es ihm gut geht, wo er ein "nützliches" Mitglied der Gesellschaft sein kann. Dann gibt es Tage, wo er sich nicht wirklich mit Freude weiterbewegen kann, und es gibt, vielleicht, Tage, die er im Bett verbringt, weil er es einfach nicht fertig bringt, aufzustehen. Da tut ihm aber nicht etwa gut, er versucht einfach, so lange es geht, zu schlafen bis endlich wieder offizielle Schlafenszeit ist, wo er grad wieder einschläft, diesmal mit gesellschaftlicher Akzeptanz. Solche Tage hatte ich in den letzten Jahren diverse, ehrlich gesagt, und es waren Tage, wo ich problemlos 18 Stunden schlafen konnte (unterbrochen mit einigen Pausen für die notwendigen Körperfunktionen wie eine minimale Kalorienaufnahme und fürs Katzenfüttern natürlich). Ohne mich danach sonderlich erfrischt zu fühlen nota bene. Jeder Depressive hat andere Auslöser für diese Zustände, andere Dauern, andere Merkmale. Den "Depressiven" gibt es nicht, in dem Sinne, wie es den Beinbruchpatienten oder auch den Grippekranken gibt. Allerdings ist die Einstufung der Depression als Krankheit sicher richtig. Diese Einschätzung wird in der Medizinerschaft und auch bei der Invalidenversicherung heutzutage geteilt.
Ein wichtiges Merkmal dieser Art, die Depression zu betrachten ist es, dass sie nicht wirklich Ernst genommen wird. Wer so über sie spricht, erachtet sie nicht als einen zentralen Teil der Gesellschaft, als einen Wesenszug, den viele Leute heutzutage teilen. Denn die Depression ist ja in Wahrheit recht verbreitet, etwas mehr als halb so verbreitet wie die Alkoholsucht etwa (dies geht den Statistiken des BFS hervor).

Depression is a strange animal, a very strange one

Der dritte Zugang ist hingegen sehr verbreitet, auch unter Depressiven selbst. Viele Depressive verstehen sich selbst schlecht, sie sind ihren Stimmungsschwankungen recht hilflos ausgeliefert. Sie sind sich ihrer aber meist bewusst und versuchen, oft unter grosser Anstrengung (wann und wo eine solche vonnöten ist und wann nicht ist sehr unterschiedlich, auch bei den Patienten selbst), diese so unmerklich zu gestalten wie möglich. Andere Reaktionsmuster beinhalten den sozialen Rückzug, die Ausbildung von Aggressionen (auch gegen sich selbst) oder einer weitgehenden Apathie. In der Tat scheint einer Depression nicht leicht zu begegnen zu sein, und sie kann sich ja sehr unterschiedlich äussern. Sie ist ausserdem eingebettet in Verhaltensweisen, die im Alltag sehr normal sind. Oft äussern sich Symptome einer Depression erst, wenn ein Mensch stark zeitlich oder emotional belastet ist. Unter grossem Stress etwa äussert sich plötzlich eine grosse Niedergeschlagenheit, die sonst nicht anwesend ist. Auch kommt bei sehr freudigen Erlebnissen keine Begeisterung mehr auf. Mir wurde einmal im Zusammenhang mit einer Ausnahmesituation attestiert, ich sei manchmal "schräg", und das fand ich eine gute Charakterisierung. "Schräg" zu sein ist ja nicht katastrophal sondern es macht einen einfach etwas speziell. Vielleicht ZU speziell für gewisse Leute, für mich ist das etwas speziell Sein überhaupt kein Problem, was eine gute Sache ist. Es gehört zu meiner Persönlichkeit, die ich nicht als prinzipiell problematisch empfinde. Aber genau das unterstreicht die Charakterisierung der Depression als "schwer fassbar", denn gerade der stete Wechsel der Symptome und ihre nicht-eindeutige Beschreibung kennzeichnet die Depression meistens.

Krankheit

Als am nützlichsten erachte ich die Beschreibung der Depression als Krankheit, welche das Funktionieren des Menschen zeitweise in einzelnen Gebieten einschränkt im Vergleich zu nicht Depressiven. Hier können sehr viele Gebiete und Verhaltensweisen aufgeführt werden. Ich möchte hier den Umgang mit einer hohen Arbeitslast und meine persönlichen Erlebnisse erwähnen, denn damit kann ich mich beschreiben. Ich beanspruche hier keine allgemeine Gültigkeit, aber die Erlebnisse können durchaus als in gewisser Weise beispielhaft gelten. See you next time, dann geht es so weiter.

21 Kommentare:

fufi hat gesagt…

Lesenswert dazu:

http://blog.derbund.ch/berufung/index.php/34191/nur-wer-menschlich-kompetent-ist-fuehrt-langfristig-erfolgreich/

fufi hat gesagt…

Ob Depression jetzt eine körperliche, geistige oder - wie ich es bezeichnen würde: seelische - Krankheit sein mag, interessant ist, dass die socalled Antidepressiva den Hirnstoffwechsel manipulieren.
Serotonin und Noradrenalin und so.
Und DAS denn echt körperlich abgeht! Inklusive Nebenwirkungen.

Tiger hat gesagt…

Ja, Antidepressiva zu besprechen würde eine weitere Themeneinheit erforderlich machen. Wichtig ist hier aber vor allem, dass die Gesellschaft Antidepressiva nicht mehr so negativ bewertet als sie das früher gemacht hat. Ich tue das auch nicht, eigentlich. Nur sage ich Euch: Nehmt sie nicht, erst wenn es echt nicht mehr anders geht. Sie nivellieren Euer Gefühl, und das ist schlecht. Keine Downs mehr, was gut ist, aber auch keine Ups mehr.

Ausserdem: Sie wieder los zu werden, kann echt schwierig sein. Ich meine: Echt schwierig. Stellt Euch vor, Ihr seid alkoholabhängig, allerdings habt ihr kein Reissen, wenn der Alk fehlt sondern es geht Euch einfach supermies und ihr müsst Euch selbst dazu überwinden, Alk zu saufen, damit es wieder läuft. Schwer vorzustellen? Ja, agreed, aber so ist es. Antidepressiva wird man also nicht von einem Tag auf den anderen los (obwohl das natürlich möglich wäre) sondern man "schleicht sie aus", reduziert also die Dosis graduell.

Wenigstens ist das die offizielle Art. Inoffiziell geht es auch anders.

Efexor hat gesagt…

Willst du funktionieren?

JA oder NEIN

Venlaflaxina hat gesagt…

Komm Liebes und hab keine Angst, wir werden dich noch zu einem nützlichen Mitglied der Gesellschaft machen.

Tiger hat gesagt…

Ein Antidepressivum ist keine happy pill. Es ist eine slightly less sad pill. Das wird weitherum falsch gesehen.

Eine schwer Depressive hat gesagt…

Stell dir mal vor, du hast keine Kohle.
Kein ausreichendes Vermögen, zum Beispiel.
Oder keine (IV-)Rente, und auch keinen persönlichen Sponsor.

Aber dennoch möchtest du überleben.
ÜBERLEBEN - nicht Leben.

Vogel schaff - oder verreck!
Und es sind ja bloss noch 9 Jahre bis zur Pensionierung!

9 lange, SEHR lange Jahre!

fufi hat gesagt…

An die Depressive

Verbrauch doch das bitzeli Geld wo du noch hast, und melde dich danach beim Sozialamt deines Vertrauens!
Die werden gut für dich sorgen!

fufi hat gesagt…

Und ja, Depressive

Die vom Sozialamt werden dir denn Schnellstens eine IV-Rente besorgen.
Weil dann wirst du nicht mehr aus ihrem, sondern aus einem anderen Kässeli gefüttert.
Aber immer noch mit meinen Steuergeldern.

Tiger hat gesagt…

"Mit der IV kann man leben." Nein. Mit der IV ist sterben irgendwie blöd, aber leben, neee, leben kann man dem nicht sagen. Finanziell reicht es natürlich nicht. Die Gemeinde, also das Sozialamt, bezahlt Zusatzleistungen, und mit denen geht das Leben so leidlich. Habe ich gehört.

Tiger hat gesagt…

Ja, und ich rate Dir auch: Such Dir einen Psychiater, der Dir beim IV-Anmelden hilft. Vegetieren sollst Du nicht.

Eine schwer Depressive hat gesagt…

Mit den Zusatzleistungen reichts mir immerhin zum weitervegetieren.
Ich habe mich damit eingerichtet,
Und was will ich denn mehr erwarten?

mila hat gesagt…

Liebe schwer Depressive,

ich kenne das Gefühl. Die Antriebslosigkeit. Das Nicht-Weiter-Kommen, selbst wenn es man möchte. Alles (jede Tätigkeit) ist einfach zu schwer.

Aber sich einrichten damit, keine weiteren Erwartungen haben - gar nicht (nie)? Vielleicht nicht auf dem Weg (den Wegen), die Sie bisher gegangen sind. Aber womöglich auf völlig anderen Pfaden. Trauen Sie sich was.

Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

fufi hat gesagt…

Ach ja:
Wer oder was ist Sheryl Crow?

Tiger hat gesagt…

Sheryl Crow? Eine Countryrockmusikerin aus den USA. Musikalisch sehr vielseitig.

Tiger hat gesagt…

Und ausserdem vor einigen Jahren mit dem späteren TdF-Doper Lance Armstrong liiert. Da kann man schon mal etwas depro werden...

fufi hat gesagt…

Also, wenn's denn um den LA geht, ich meine, da kommt man ja schon fast automatisch auf Speed!

Tiger hat gesagt…

Sag ich ja. All I wanna do is have some fun.

fufi hat gesagt…

Und dennoch hat sie was von einem Botox-Zombie, die schnüsige Kleine!

Tiger hat gesagt…

Ja, aber als ich hörte, dass sie mit Depressionen kämpft, war sie mir gleich sympathischer...

Eine schwer Depressive hat gesagt…

Entschuldigung wenn ich zynisch erscheinen mag,
aber das Botox-Mädel, das hat ja wohl an Depressionen
auf hohem finanziellen Niveau gelitten.

Und ich mag da fragen:
Sind Depressionen von den (ziemlich) Reichen
dieselben Depressionen, an denen die
ziemlich Armen leiden?
Die, die nicht mal finanzielle Prspektiven haben,
meine ich?

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