Freitag, 24. Februar 2012

Leben lassen! - Sterben lassen?

Dazu macht sich Carolina ihre Gedanken.
Ich danke ihr herzlich für ihren Beitrag!
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Sterben dürfen - nur eine kleine Geschichte

Samstag morgen, 06.30: das Telefon klingelt, es meldete sich eine Pflegefachfrau, die mich bittet, möglichst schnell zu Herrn Z zu kommen. Er habe nach mir gefragt und es ginge ihm sehr schlecht.
Ich besuchte Herrn Z seit einigen Monaten, erst zuhause, in den letzten Wochen im Spital. Er hatte schon lange an COPD gelitten, vor einem Jahr war ein Lungentumor diagnostiziert worden, danach in schneller Folge Metastasen.*
Herr Z war 87. Seine Frau starb vor zwei Jahren ganz unerwartet, sie war 15 Jahre jünger. Zwei Kinder aus erster Ehe, zwei Kinder aus der zweiten Ehe, man schien sich, wenn auch nicht zu lieben, zu respektieren. Nachdem seine Frau gestorben war, versank Herr Z immer mehr in Traurigkeit. Er lebte noch zuhause, kam auch zurecht, wurde aber mehr und mehr von der Spitex unterstützt, bis er vor einigen Wochen notfallmässig ins Spital eingeliefert wurde – er hatte einen leichten Schlaganfall erlitten. Einige der Kinder leben im Ausland, ein Sohn mit Familie in der Nähe. Während der Sohn, selber vor der Pensionierung stehend, ein eher distanziertes Verhältnis zum Vater hatte, bestand eine ganz spezielle Nähe zu den fast erwachsenen Enkelkinder.
Als ich das Spital erreichte, traf ich vor dem Eingang den Sohn und eine Tochter, die rauchten und mir kurz berichteten, was ich oben antreffen würde: eine Familie, mittlerweile waren fast alle Kinder eingetroffen, die diskutierend und streitend das Sterbezimmer des Vaters bevölkerten. Das bestätigte sich oben. Ich ignorierte alle und ging direkt zu Herrn Z. Er weinte, nahm meine Hand und sagte zu mir: ‚ Cara (sein Name für mich), Sie wissen, was ich will, nicht wahr? Ihnen habe ich es doch immer wieder gesagt. Bitte sagen Sie allen, dass sie mich gehen lassen sollen.‘
Der Raum kurz war still, aber gleich darauf gingen die Diskussionen weiter. Ich missachtete eines der höchsten Gebote der Sterbebegleitung, Nichteinmischung, und scheuchte alle hinaus. Draussen suchte ich einen freien Raum für uns alle, ging nochmals zu Herrn Z und sagte ihm, dass gleich wieder jemand bei ihm sein würde, gab ihm einen Kuss und bat dann den Arzt zu uns. Dieser erklärte, dass Herr Z sehr starke Schmerzen hatte (obwohl er schon seit einiger Zeit palliativ behandelt wurde), wiederholt geäussert hätte, dass man bitte die Maschinen, die ihn am Leben erhielten, abstellen sollte und dass er gehen wolle. Er habe dieses den Kindern vorgetragen und vorgeschlagen, dass man Herrn Zs Wunsch respektiere. Eine Tochter – die aus Australien angereist war – hatte ihr Veto eingelegt. Die anderen Geschwister versuchten sie lautstark davon abzubringen, Vorwürfe wurden laut, von religiösem Wahn war die Rede, die Situation eskalierte. Man bat mich, meinen Eindruck mitzuteilen und ich erklärte, dass ihr Vater mir immer schon gesagt hatte, dass er eigentlich schon seit dem Tod seiner Frau keinen Lebenswillen mehr hätte und dass er, wenn es zu Ende ginge, gehen möchte, dass keine ärztlichen Interventionen mehr stattfinden sollten. Ich fragte den Arzt, warum diese Diskussion überhaupt stattfand, denn Herr Z konnte ja seinen Wunsch noch selber äussern. Der Arzt, ein, man sah es, überforderter, höflicher junger Mann, sagte, es läge keine schriftliche Sterbeverfügung vor und man begäbe sich auf rechtliches Glatteis, wenn man gegen den Willen auch nur eines Angehörigen handle.
In diesem Moment ging eine der geliebten Enkelinnen auf ihre Tante zu und bat darum, ihren Grossvater gehen zu lassen. Die Tante war sichtlich berührt, sagte aber nichts.

Die Diskussionen gingen weiter und während des Tages ging ich weiter, als ich in meiner Rolle gehen dürfte. Ich wiederholte immer wieder, dass hier nur der Wunsch des Vaters zählen dürfe, dass er mündlich klare Anweisungen gegeben hätte. Herr Z war an diesem Tag nur noch zeitweise bei Bewusstsein und wurde sichtlich schwächer. Wir sorgten dafür, dass im Raum Stille einkehrte, dass nicht alle sich um sein Bett drängten. Ein Sohn von Herrn Z und ich luden die Tochter aus Australien zu einem Kaffee ein. Sie erzählte uns, dass sie sich sehr bedrängt fühle, dass sie eigentlich sehen könne, dass ihr Vater leide und man ihm seinen letzten Willen erfüllen solle, aber ihre Kirche erlaube Sterbehilfe nicht , die Schweiz und ihre liberalen Gesetze machten auch in Australien Schlagzeilen und seien ein Dauerthema. Wir sagten ihr, dass sie jedes Recht habe, ihrem Gewissen und ihren religiösen Ueberzeugungen nachzugehen, wenn es um sie selber ginge und fragten sie, ob sie nicht ein wenig bei ihrem Vater sitzen wolle, um sich zu überlegen, ob ihre Werte auch auf ihn übertragbar seien. Sie verbrachte längere Zeit allein bei ihrem Vater und stimmte dann der Abschaltung aller Maschinen zu. In den frühen Morgenstunden des nächsten Tages starb Herr Z, ganz friedlich, und jeder konnte mit eigenen Augen sehen, dass es gut war.

Eine kleine Geschichte aus meinen Alltag, die nur eine Facette des Themas Sterbehilfe beleuchtet. Sterbehilfe hat sehr viele Formen, diese Geschichte ist eine der unspektakuläreren, aber alle laufen auf eines hinaus: einem Menschen das Recht auf Selbstbestimmung gewähren.

*Ich habe die meisten Angaben, auch die medizinischen, verfälscht – Ungereimtheiten gehen auf mich zurück.

148 Kommentare:

fufi hat gesagt…

Was mich dabei ganz fest freut (und mir Mut macht?):
Wenigstens in DIESEM Fall hat die Liebe über die Kirche/Religion "gesiegt".

Ach wenn's doch weltweit so wär!

Tiger hat gesagt…

Tja, das sind verdammt nochmal ECHTE Probleme. Nicht so wie die etwas konstruierten, die hier gewälzt und deren Teile einander an den Kopf geworfen werden (keine Ironie aus diesem Post herauslesen bitte, da ist keine).

Sowas ähnliches ist mir bei meinem Vater geschehen, allerdings mit einigen Unterschieden. Wir hatten keine Schwester aus Australien, die eine andere Meinung eingenommen hätte als wir anderen. Sein Bruder kam aus Australien, aber als er endlich eintraf, war mein Vater schon tot.

http://www.ticinolibero.ch/?p=22629

Anonym hat gesagt…

Ein schöner Text und ein gutes, wenn auch trauriges Erlebnis, das die Hinterbliebenen bestimmt weitergebracht hat. Wie geht es dieser australischen Tochter heute? Ich musste meine Frau damals auch gehen lassen, es schmerzt ja ungemein, einen lieben Menschen einfach so scheiden zu sehen. Doch wir werden alle an dieses Tor kommen. Ein wunderbares Buch, und letztes Jahr ein wunderbarer Film mit Bruno Ganz: Tiziano Terzani, "Das Ende ist mein Anfang".

Franz Oettli

Meta hat gesagt…

Danke, Carolina! Der Kommentar des überforderten Jung-Weisskittels ist ein Wink mit dem Zaunpfahl: Schreibt Patientenverfügungen, Leute.

Gute Nacht.

(Sitze hier, sortiere Fotos und höre Plavi Orkestar, mit Übersetzung :-) - wie verwandt das alles dem Russischen ist!)

Anonym hat gesagt…

Puh... Bestimmt keine einfache Situation.

Gut, dass die Tochter ein Einsehen hatte.

Darf man fragen, welche Kirche sie genau davon abgehalten hat?

((der Unaussprechliche))

Orlando hat gesagt…

Nein, sorry. Das geht so nicht.
Das ist dem Leben hineingepfuscht. Entscheiden wir über den Tod oder das Leben neuerdings demokratisch? Oder anders: wenn wir auch den letzten Widerstand gebrochen haben, können wir es beenden, nach belieben?

Bezüglich der angeblich freien Willensäusserung in äusserster Bedrängnis und bei getrübtem Verstand müssen (schon rechtlich) einige Zweifel angemeldet werden. Ohne Verfügung ist das reichlich schal.

Eine situative Ethik bietet nicht gerade grossen Halt bei so einem Thema. Ein Mensch ist kein Tier, das man erschiesst, wenn es leidet. Tieren gibt man auch kein Morphin und keine palliative care.

Man kann sich fragen, was verwerflicher ist: der Arzt, der das Leben um jeden Preis erhält und manchmal künstlich über das Datum, das es sich selber setzt, hinaus. Oder die Angehörigen und die "Sterbe-Begleiterin" (horribles Wort), die ihr Leiden beenden, jawohl, vor allem ihr eigenes Leiden, dem zusehen zu müssen.

Es geht ja nicht darum, jemanden "gehen zu lassen" (passiv) sondern aktiv die Maschinen abzustellen.

Man kann auch argumentieren: Wenn jemand gehen will und krank ist, wird er das auch. Man muss nicht noch nachhelfen.

Ich finde, man kann auf beide Seiten argumentieren. Mich verwundert aber, Carolina, dass sie die eine Seite so vehement rechtfertigen und verteidigen, als sässen sie hier vor den Schranken irgend eines Gerichts...

Es gibt einen Einzelfall, von dem wir jeweils ausgehen könntebn, wenn wie nicht zuerst den Regelfall diskutiert haben und uns im Klaren darüber sind, was gelten soll und was nicht.

Sonst ist es eben nicht Sterbehilfe, sondern "beim Sterben nachhelfen".

Orlando hat gesagt…

sollte heissen: "es gibt keinen Einzelfall, von dem wir jeweils ausgehen können, wenn wir nicht zuerst den Regelfall diskutiert haben."

Anonym hat gesagt…

?

Sehr seltsamer Kommentar von Orlando.


Lassen Sie sich nicht beirren, Caroline!

"Ein Mensch ist kein Tier, das man erschiesst, wenn es leidet." - Ein Tier kommuniziert nicht und wird kaum ausdrücklich darum bitten.

Da der Patient aber seinen Willen kund getan hat, ist auch die Idee, dass hier "demokratisch" darüber abgestimmt wurde, ziemlich daneben. Eben nicht: Derjenige, denn´s betrifft, hat bestimmt.

Seinen Willen zu missachten, wäre unethisch.

"Sonst ist es eben nicht Sterbehilfe, sondern "beim Sterben nachhelfen"."

... Auch das reichlich seltsam, wenn jemand nur noch an künstlichen Apparaten hängt, um NICHT zu sterben: "Nachgeholfen" wird also nur der Verhinderung des Dahinscheidens!


((der Unaussprechliche))

Carolina hat gesagt…

O, ich habe in diesem Fall (und nur um den geht es erstmal) deshalb Partei ergriffen, da haben Sie völlig Recht, weil ich Herrn Z relativ lange kannte, ihn auch in 'gesundem' Zustand besuchte und sein Wille, selbstbestimmt sterben zu dürfen, immer wieder Thema war. Zu diesen Zeiten habe ich ihm wiederholt gesagt, dass eine Patientenverfügung unbedingt nötig wäre, aber er meinte immer, es reiche, wenn er seiner Familie mündlich seinen Willen ausdrücke.
Das sehe ich relativ oft. Und im Prinzip bin ich der Meinung, dass es ein Zeichen ist, wenn ein Mensch keine PV ausfüllt, denn dann hält ihn irgendetwas zurück und das haben wir zu respektieren.

Mein Credo, seit ich diese 'Arbeit' (die im übrigen für mich wichtiger ist als für die, die ich begleite) mache, ist, dass jeder Mensch das Sterben und den Tod haben wird, den er 'braucht'. Ich sehe das als Einladung an mich, mich in keiner Weise einzumischen, denn das steht mir nicht zu.

In diesem Fall hatte ich das starke Gefühl und Herr Z hat es ja noch mehrmals bestätigt (im übrigen hatte ich in den Tagen und Nächten vor diesem Tag noch länger bei ihm gesessen), dass er von mir Hilfe erwartete, dahingehend, dass seine Familie seinen Willen akzeptiere. Die habe ich ihm gewährt, allerdings zugegebenermassen mit Mühe.

Carolina hat gesagt…

Gabi, ich bin mir sehr im klaren darüber, was ich mache - das schliesst aber nicht aus, dass jeder 'Fall' anders ist und ich manches Mal an meine Grenzen komme, an denen ich mich hinterfragen muss.

Ich habe, sicher auch, weil ich mit dem Thema in meinem Leben selber öfter konfrontiert worden bin, keinen Zweifel daran, dass selbstbestimmtes Sterben ein Grundrecht ist. Das eine Gesellschaft gewisse Grundregeln schaffen muss, schliesst das nicht aus. Ich habe bei einer Sterbehilfe(!)-Organisation gesehen, welches unsägliche Leid bei Sterbenden oder unheilbar Kranken allein durch die Aussicht gemildert werden kann, dass man am Ende Hilfe haben darf. Fragen Sie mal bei Exit nach, wieviele Anrufe sie jeden Tag von völlig verzweifelten Menschen aus Ländern erhalten, die diese Möglichkeit nicht bieten.

Und nein, ich weiss nicht, welcher Sekte/Religionsgemeinschaft die Tochter angehörte. Ich weiss nur, dass sie keine völlig verbohrte, unmenschliche, sich an Ideologien festklammernde Frau war (wie ich es am Anfang doch vermutete), sondern sich selber darüber klar werden musste, dass es für ihren Vater so stimme. Das ist im übrigen eine grosse Herausforderung in dieser Aufgabe: ich werde immer wieder gezwungen, meine vorgefassten Meinungen zu revidieren und zu hinterfragen, es ist erstaunlich, welche Einblicke Tod und Sterben in Menschen gewähren können.

Carolina hat gesagt…

Lieber Herr Oettli, ich finde es sehr schön, dass Sie hier mitschreiben. Lassen Sie sich bitte nicht von unseren gelegentlichen Ausrastern erschrecken!
Darf ich Sie um Ihre Eindrücke zu dem Geschehen bitten, das ich hier beschrieben habe? Obwohl es wirklich, von aussen besehen, um einen eher unspektakulären 'Fall' geht, ist mir dieser näher gegangen als andere, das gebe ich zu.

Anonym hat gesagt…

Tschuldingung, Caro

wollte keinesfalls so klingen, als wüsste ich da mehr drüber als Sie. (war dann eher als Erwiderung an Orlando gedacht)

Logisch, dass Sie sich schon wesentlich länger, tiefer und vor allem praxisbezogener als ich mit dem Thema beschäftigen.

((der Unaussprechliche))

Carolina hat gesagt…

Häh, Gabi? Bin ich mal wieder belehrend rübergekommen? War echt nicht so gemeint, denn ich habe mich in keinster Weise angegriffen gefühlt! Echt jetzt....

Anonym hat gesagt…

Perfekt... Dann war ich einfach die Miss Verständnis Februar 2012

;-)

Schönen Samstag!

Anonym hat gesagt…

es ist für hinterbliebene immer schwer loszulassen, da es einem mit dem eigenen leben immer wieder konfrontiert und man sich dabei mit dem essentiellen zwingend auseinandersetzen muss.
vor ziemlich genau einem jahr haben sich in meinem freundeskreis innerhalb von 10 tagen zwei das leben genommen und eine entsprechende lücke hinterlassen, die schmerzt. ich vermisse vor allem p sehr und die diskussionen über unsere lebenssituationen (die sehr ähnlich waren) sowie das gegenseitige verständnis dafür. das ich seit ihrem selbstmord nie wieder so tief thematisieren konnte.
der tod ist das eine, aber das sterben ist brutal, für alle beteiligten.
hr z hat seinen frieden gefunden, ganz bestimmt. ich hoffe, dass es p auch gefunden hat, ich wünsche es ihr von ganzem herzen.
marie

Anonym hat gesagt…

übrigens carolina, danke für den sehr schönen beitrag, mir ist er sehr nahe gegangen.
marie

fufi hat gesagt…

@Gabi am 25. Februar 2012 09:52

Zunächst: DA -> "Nachgeholfen" wird also nur der Verhinderung des Dahinscheidens!" bin ich mit dir völlig einig.
Das ist m.E. ja das eigentlich perverse, dass hier die Höchstleistungs-Spitzenmedizin einzig dazu dient, das Datum der Todesanzeige zu verschieben. KEINE Heilung, oder so!
Da wird - Achtung, Zynismus - ein "Fleischsack" künstlich - nein, NICHT am Leben erhalten, sondern bloss das Funktionieren der basalen Vitalfunktionen an Maschinen delegiert. So ne Art Androide, also?

Absolut NICHT einverstanden bin ich dagegen damit:
"Ein Tier kommuniziert nicht und wird kaum ausdrücklich darum bitten."

Ich weiss, dass ich mich damit auf's Glatteis begebe, aber was in meinem Profil unter S steht, ist nicht einfach so und schon gar nicht provokativ hingekritzelt.

Ich machs kurz: Es war an einem Freitagmorgen, als unsere Hündin Xira zu mir sagte, sie sagte: Fufi, es ist soweit.
Sie ist am selben Abend zuhause in meinen Armen eingeschlafen.
Mit geschlossenen

fufi hat gesagt…

Mit geschlossenen Augen, sollte es heissen.
Und sowas ist denn nämlich absolutestens aussergewöhnlich!

Carolina hat gesagt…

Liebe Marie,

'der tod ist das eine, aber das sterben ist brutal, für alle beteiligten' - Sterben kann brutal sein, aber oft hat es eine unerklärlichen Richtigkeit. In dieser Richtigkeit (die ich bitte, nicht zynisch zu verstehen) liegt auch ein grosser Trost für die, die zurückbleiben. Während meiner Ausbildung habe ich eine Art Praktikum bei einem 'parish priest' gemacht, dessen Aufgabe u.a. darin bestand, Familien beizustehen, die gerade vom Tod/Suizid/Sterben eines Angehörigen erfahren hatten. Seine Antwort, wenn ich fragte, wie er so ruhig und gelassen bleiben und den Menschen in seiner Unaufgeregtheit eine echte Hilfe sein konnte, wenn gewünscht, war immer die Gleiche und ich habe erst sehr viel später am eigenen Leibe erfahren, was er meinte: für ihn waren sein eigenes Sterben, sein eigener Tod, eine tägliche Uebung in Demut - er hatte sich nicht nur damit abgefunden, sondern sah den Tod als wirklichen Trost, als Ende eines Daseins, das er irgendwann ablegen konnte; insofern war auch Suizid für ihn eine Entscheidung, die es zu respektieren gilt, auch wenn das die Sache für die Hinterbliebenen nicht einfacher macht.
So gesehen, ist es vielleicht der grösste Freundschaftsdienst, wenn man eine Entscheidung wie die Ihrer Freunde respektieren lernt, statt an ihr zu verzweifeln.

Für Fufi von Astrid hat gesagt…

Schamane Fufi, daran habe ich nicht den allergeringsten Zweifel, aber das weisst Du ja...... Einen schönen Samstag allerseits!

fufi hat gesagt…

Und noch mal an Gabi

Was würde es denn bringen, wenn wir wüssten, welcher Kirche das Mädel angehört?

Ich meine, das einzig praktische, was wir daraus ziehen könnten wäre, dass wir über dieselbige Kirche lästern könnten.

Das hinwiederum setzt voraus, dass wir bereit wären, über jedwede Kirche zu lästern.
Und DANN, meine ich, spielt's ja auch keine Rolle, WELCHE Kirche es denn grad mal sein mag.
Oder nöd?

Orlando hat gesagt…

Schönen Samstag allerseits? Das Belastende von der Seele gekritzelt, Herr Z. tot, Akte geschlossen?

So einfach kommen sie nicht davon. Nur damit ein paar, die intellektuell schnell überfordert sind (nein, damit meine ich nicht Fufi) ihnen ihr ego te absolvo geben, haben sie den Text kaum hier platziert oder?

Aus ihren weitergehenden Ausführungen zum Fall trieft geradezu das Credo in der Angelegenheit: Trost, das Mit-Leiden beenden, jemandem "unnötiges" Leiden ersparen, sie zu schützen vor der schrecklichen unbequemen Wahrheit des Lebens und des Todes. Aber nicht etwa für den Sterbenden - SONDERN FÜR DIE ANGEHÖRIGEN!

Sie wollen vor allem für die Angehörigen eine Atmosphäre schaffen, dass sie sich okay fühlen in ihrem Gewissen. Deshalb mussten sie den letzten Widerstand knacken, das letzte Körnchen von Nicht-Egoismus, das noch da war (die - "gläubige" - Tochter). Wenn sie Glauben als etwas Irrationales bezeichnen, dann wäre also der dann letztlich doch noch beschrittene Weg der rationale. Das Befördern eines Sterbenden aus Rationalitätsgründen in den (schnellen) Tod.

Zynischer gehts nicht mehr! Das Sterben ist nicht ein Problem, das man lösen kann.

In der Trauerarbeit wollen sie den Hinterbliebenen bequem die Konfrontation mit dem Sterben ersparen. Denn dieser Tod trat ja nicht plötzlich ein. Sie jumpen mit den ach so überforderten Angehörigen dann direkt zum Stadium acceptance. Und überspringen denial, anger, bargaining, depression. Sie pfuschen dem Leben, das den Kampf verliert, ins Spiel - sie wollen neue Spielregeln einführen, nur um den Angehörigen zu ersparen, zusehen zu müssen, wie der Tod kommt. Diese sollten ein "gutes Gewissen" haben bei der Sache.

Darin sehe ich eine Gefahr. Und selbstverständlich das Risiko des Missbrauchs.

Es ist daher unethisch.

Ich als dagegen-Halter formuliere deshalb die folgende These: Ein Mensch kann nicht in seinen eigenen Tod einwilligen.
Das ist ein Paradox, doch es widerspräche jedem Prinzip von Leben, wenn es anders wäre. Als Ausnahme lasse ich allerdings die Aufopferung für ein "greater good" zu, den Märtyrertod. Diesem liegt aber dann nicht eine Sehnsucht nach dem Tod zugrunde, sondern eben ein Opfer.

Wollte Z. sterben, um seine Familie von seinem Anblick zu erlösen? Nein.

Sorry, wenn das jetzt hart tönt: Wenn er des Lebens so überdrüssig gewesen ist, warum hat er es nicht beendet in den 15 Jahren seit dem Tod seiner Frau? Wieso bringt er das als Begründung, jetzt auf dem Sterbebett? Wenn er prinzipiell keinen Lebenswillen mehr hatte, wieso unterzeichnete er nicht eine PV, prophylaktisch?

Diese Fragen stellen sie sich nicht. Ihnen und ihrem Einsatz für das "gute Gewissen" der Angehörigen reicht es, wenn der unter Schmerzen delirierende Mann ihnen vage Andeutungen macht, er sehne sich den Tod herbei.

Man kann nicht in seinen eigenen Tod einwilligen.

Was Herr Z. unter Medikamenteneinfluss, in grösster Verzweiflung, im Delirium, im Todeskampf sagt, ist daher nicht die Aussage eines Handlungs- und Urteilsfähigen.

Ja, hätten sie ihm einen Revolver an die Schläfe gehalten und einen Angehörigen gebittet abzudrücken, wenn Herr Z. das gewollt hätte sie man sich nicht strafbar machen würde dadurch? Auf ihre Antwort wäre ich gespannt!

Es kommt aber auf das genau gleiche heraus, wenn sie die Maschinen abstellen. Mit "gutem Gewissen".

fufi hat gesagt…

Tja, Orli

Da schiesst du mal wieder mächtig über's Ziel hinaus!

Der Herr Z hat scheint's auch noch im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte gewünscht, wenn es denn mal soweit kommen sollte, dann ... !!

Aber eigentlich solltest du auch mal was anderes bedenken:
Da wird's doch toleriert, dass aus irgendwelchen abstrus-religiösen Gründen bei gewissen Menschen
- keine Bluttransfusionen vorgenommen werden
- keine Abtreibungen vorgenommen werden, auch wenn danach Mutter UND Kind sterben
- krebskranke Kinder mit gigantoiden Vitamin C-Dosierungen "geheilt" werden sollen

Oder auch bei eigentlich toten Schwangeren ein künstlicher Kreislauf gebastelt wird, sodass dann irgendwann aus einem längst toten Mutterleib doch noch ein Baby herausgeschnipselt werden kann.
Oder irgendwelche komatöse ..... , oder so!

NEIN, Orli

Dieser Herr Z hat NICHT Sterbehilfe in Anspruch nehmen wollen. Oder so.
Er hat bloss auf seinem Recht beharrt, DANN gehen zu dürfen, wenn's soweit ist.

Klartext: Lasst mich sterben, wenn ich sterbe!

Ich meine: Wir haben ein RECHT darauf, DANN sterben zu dürfen, wenn wir sterben.
Und NIEMAND hat ein Recht, unser Sterben künstlich zu verlängern!

Orlando hat gesagt…

Nein, Fufi,

1) Es gibt kein "Recht" zu sterben. Tut mir leid, das ist so.

2) Und kein Arzt hat das Recht, die Frage um Leben oder Tod mit: "Tod" zu beantworten.

Und das ist beides gut so.

Meta hat gesagt…

Oh.

Carolina, ich bin mit fast allem einverstanden ausser: "Mein Credo, seit ich diese 'Arbeit' (...) mache, ist, dass jeder Mensch das Sterben und den Tod haben wird, den er 'braucht'."

Auch ein Einjähriger, der die nächsten zwei Jahre eine Chemotherapie und x Knochenmarkspunktionen und Lumbalpunktionen brauchen wird? Ein Cousin von mir ist an einer Leukämie verräblet. Es ging sieben Jahre. Die Familie ist daran zerbrochen. Naja, vielleicht nicht nur daran, aber es war eine gewaltige Belastung.

Nein, der Tod ist Schicksal, das ist nicht personifiziert, es wird einem weder massgeschneidert noch serviert. Manche gehen im Schlaf nach einem langen Ausritt am Vortag, in der Blüte eines junggebliebenen Alters, und sei es in den Achtzigern. Andere leiden jahrelang fast über ihre Kräfte hinaus, ohne sich zu einem Suizid durchringen zu können, sei es aus religiösen Gründen, wegen der Hinterbliebenen oder einer anderen Verantwortung, die sie noch zu tragen haben. (Die Suizidrate ist unter Katholiken tiefer. Ob das echt ist oder ein Artefakt, weil der langjährige Hausarzt den Totenschein beschönigt, wissen die Götter. Pardon: Gott.)

Aber sonst bin ich wirklich mit fast allem einverstanden. Schnitt, der Lesbarkeit halber -

Anonym hat gesagt…

Stimmt; in diesem Sinne können Tiere natürlich tatsächlich kommunizieren.

Übrigens selber - soo ungewöhnlich, ist das nun auch wieder nicht - mit Hunden vor/beim Tod so mitgekriegt.

Ich nehme das also in dieser Absolutheit zurück.

Dass sie aber nichts kommunizieren können, im Sinne von: "Will jetzt bitte sterben!" bleibt natürlich bestehen. Ob ein Tier das überhaupt könnte, wenn es denn könnte, bleibt dahin gestellt.

Dass der Mensch das kann, ist klar, seit wir uns wohl als Menschen bezeichnen. "...das ist so." ist da ein recht erbärmlicher Einwurf. Ein Argument ist es genauso wenig wie ein konkreter Hinweis auf irgendwas.

Welche Kirche es war nur zum Lästern?

Irgendwelche Nachwehen von lieb gewonnenen Klischees, Fufi?!

Ich mache mir ein Bild über die Welt.

Sehe ich Meer, so weiss ich - mittlerweile - es ist salzig.

Seh ich eine gelbe Frucht, die gekrümmt ist und die man aus dicker Schale schälen kann, so weiss ich heute: Banane.

Weiss ich nur, weil ich mir das vorher so eingeprägt habe: Ich habe schubladisiert.

- Und gar kein Problem damit.

Würden wir das nicht tun und ständig vorurteilslos durch die Welt laufen,müssten wir auch den Amokläufer, den wir grad beim Abschlachten von fünf Passanten vor mir beobachtet haben, noch umarmen wollen.

Schubladisieren und Vorurteile sind kein Problem, sondern Teil der menschlichen Lern- und Überlebensstrategie. (Zum Kotzen sind bloss jene peinlichen Mitmenschen, die überzeugt sind, es nicht zu tun, WÄHREND sie es dauernd tun... Und sich dennoch auch noch mächtig was auf ihre "Vorurteilslosigkeit" einbilden!)

Ich hätte gerne gewusst, welche Kirche das genau ist, die sich (auch, wie ja auch die Katholische) derart drauf versteift, Ignoranz als Heilsversprechen zu verstehen.

In diesem Sinne hätte ich´s gerne zum persönlichen Schubladisieren gewusst.


- Und gewiss hätte ich bei Gelegenheit auch über diese Glaubensgemeinschaft gelästert...

;-)


((der Unaussprechliche))

PS: Übrigens öffne ich dennoch immer meinen Mund, wenn ich im Meer bade: Würde also mitkriegen - erfreut mitkriegen! - wenn sich´s an einem bestimmten Ort anders verhalten würde, als von mir voreingenommen imaginiert. Und DARAUF kommt´s an!

Meta hat gesagt…

O, im vorliegenden Fall hat der Patient selber klar und eindeutig seinen Willen geäussert. Das ist zu respektieren. Von demokratisch kann nicht die Rede sein.

Das Abschalten von Apparaten lockt fast nirgendwo mehr Ethiker hinterm Ofen hervor. Notorische Ausnahmen waren in den letzten Jahren in den USA und in Italien zu finden, die Namen entfallen mir. Die Diskussion über die aktive Sterbehilfe dagegen läuft weiter und wird wohl nie einen Abschluss finden, der alle zufrieden stellt. Und auch das ist gut so.

Mehrere Patienten von mir sind gerne gestorben. Der eine war ein Künstler, schwerst krank über Jahre, aber bis zuletzt wie aus dem Ei gepellt und geistig glasklar. Er hat eine wunderschöne, selbst gezeichnete Todesanzeige verschickt, die mich zum Weinen brachte. Ohne Exit - das war ein anderer, ebenfalls ein Mensch von Format. Wenn jemand das klar will und es für ihn stimmt: wer bin ich, ihm da dreinzureden?! Und wer bist Du, O, das zu tun?

Hybris!

Natürlich: solche wie Du sagen, die Hybris sei beim Menschen, der dem Sterben nachhilft. Aber bitte: was ist das Apparate-Abschalten als eine kleine Kurskorrektur einer unermesslich grösseren Hybris, die in die entgegengesetzte Richtung aus dem Ruder gelaufen ist?

Did I mention that Samuel Shem calls Internal Medicine "Eternal" Medicine?

Gute Nacht allerseits.

Carolina hat gesagt…

Meta, ich verstehe, dass dieser Satz seltsam rüberkommt. Er hat etwas mit meiner persönlichen Geschichte zu tun, über die ich schon mehrmals Andeutungen gemacht habe (dummerweise!). Und damit, dass auch die Kinder, die ich begleitet habe, auf eine wundersame Art und Weise ihr Sterben akzeptieren konnten, die mich sprachlos macht.

Orlando, ich suche keine Absolution. Sie haben insofern Recht, als ich mir nie sicher bin in dem, was ich tue oder nicht tue, ich bin immer eine Zweifelnde, eine Haderin (und ich hoffe, mir das zu erhalten). Aber eines weiss ich: mir die niedrigsten Motive zu unterstellen, ist keine Basis für eine Diskussion mit Ihnen.

Gute Nacht (oh ja, so leicht komme ich davon).

beatrice hat gesagt…

andre aber sind wie sterne. kein wind erreicht sie.

Orlando hat gesagt…

@Carolina: Ich wollte ihnen keinesfalls niedere Instinkte unterstellen, und frage mich gerade, worauf sie sich beziehen.
Aber sie stellen hier einen Fall zur Disposition, der mich gestern zum Nachdenken gebracht hat. Wollten sie nicht genau dies auslösen?

Ich bin ja nicht grundsätzlich gegen Sterbehilfe, aber ich finde man macht es sich etwas gar einfach, wenn man sich grad gar keine Gedanken mehr darüber macht und es einfach praktiziert.

Zudem walten sie als Lordsiegelbewahrerin des Sachverhaltes, hinter den wir nicht blicken können. Das gilt auch für die von Meta angeführten Beispiele (was waren das? Suizide? Sterbehilfe? Normale Tode?).

Äusserlich ist der Sachverhalt so: Der Sterbende äussert, er möchte sterben, die Angehörigen sind dafür ausser eine Tochter, deren Widerstand sie brechen, damit man die Maschinen endlich abstellen kann und der alte Mann ins himlische Paradies einfährt und die Verwanden sich mit Angenehmeren beschäftigen können, wie der Organisation der Trauerfeier, der Auswahl des Leichenschmauses und der Eröffnung des Testaments.

Ihr Hinweis, dass keines der Kinder besonders nah mit dem Vater verbunden war, lässt aufhorchen.

Wenn es ihnen reicht dass Gabi ("äh, öh, schon okay Caro") oder Meta ("Maschinen abstellen lockt keinen Hund hinterm Ofen hervor") ein bisschen balsamierend die Schulter tätscheln - ja gut.

Also, ihnen unterstelle ich keine Motive, ist das klar?

Aber ich hinterfrage diesen ganzen Vorgang. Es gibt sehr berechtigte Vorbehalte gegen Sterbehilfe. Denen wird man nicht gerecht, wenn man sie als Hirngespinste von einer Fundi-Angehörigen ("meine Kirche verbietet Sterbehilfe") reduziert.

In den allermeisten Ländern dieser Erde ist Sterbehilfe verboten.

fufi hat gesagt…

DOCH, Orlando!

Es gibt ein Recht auf Sterben!
Niemand weiss besser als ich, dass meine Zeit gekommen ist!
Deshalb darf NIEMAND mich daran hindern, von hier nach dort zu gehen!

Es gibt übrigens genug von denen, die, auch wenn sie nur noch an Schläuchen und Elektroden hängen,
weiterhin täubeln und treussen, weshalb es denn genau SIE treffen sollte.
Als wie wenn sie denn zur Unsterblichkeit verdammt wären?

In DIESEM Sinne:
http://www.youtube.com/watch?v=9FWTfhNVZvY&feature=fvst

Carolina hat gesagt…

‚Man kann sich fragen, was verwerflicher ist (........). Oder die Angehörigen und die "Sterbe-Begleiterin" (horribles Wort), die ihr Leiden beenden, jawohl, vor allem ihr eigenes Leiden, dem zusehen zu müssen.‘
‚Aus ihren weitergehenden Ausführungen zum Fall trieft geradezu das Credo in der Angelegenheit: Trost, das Mit-Leiden beenden, jemandem "unnötiges" Leiden ersparen, sie zu schützen vor der schrecklichen unbequemen Wahrheit des Lebens und des Todes. Aber nicht etwa für den Sterbenden - SONDERN FÜR DIE ANGEHÖRIGEN!‘ Ihre Worte gestern, Orlando.

Sie unterstellen mir nichts? 1. Ständige Einmischung, 2. Bewertung und 3. Nicht für die Sterbenden, sondern die Angehörigen bzw mich selber zu handeln. Ich habe dazu mehr als einmal gesagt, dass ich in diesem Falle meine Zweifel hatte, dass ich an der Tochter, die ich anfangs negativ beurteilte, die sich aber als notwendige Infragestellerin herausstellte, meine eigenen ‚Urteile‘ (wieder mal) in Frage stellen musste. Nochmals: Regel Nr 1: es hat nur, ausschliesslich um den Sterbenden zu gehen. Ich bin meistens eine aussenstehende Beobachterin. Für mich zählt einzig und allein der Willen des Sterbenden – in diesem Falle war Herr Z bis zum Schluss zwar schwach, aber für alle erkennbar compos mentis. Ich habe diesen Fall hier gewählt, weil er auch für mich ethische Fragen aufwarf und es mir entgegenkam, dass andere Sichtweisen diskutiert werden.

Natürlich gibt es berechtigte Einwände gegen die Sterbehilfe. Das, was ich mache, ist Sterbebegleitung! (Und doch, wenn ich die Zeit noch hätte, würde ich bei Exit mitarbeiten!). Grundsätzlich gilt für mich: jeder Mensch hat das Recht, in seinen eigenen Tod einzuwilligen - das hat für mich denselben hohen Stellenwert wie für Sie das Gegenteil. Und ja, es wäre schön, wenn Sie mein Hadern und meine Zweifel, die ich sehr wohl habe, nicht einfach überlesen, damit Ihre Einwände mehr ins Gewicht fallen, sondern hinnehmen könnten, dass ich – und ich unterstelle das den meisten, die in diesem Bereich tätig sind – immer wieder mit meinen Grenzen konfrontiert werde. Im Gegensatz zu dem, was Sie insinuieren, bin ich sehr wenig an den Angehörigen interessiert – und bin in Wahrheit der Meinung, dass wir alle mit Sterben und Tod fertigwerden müssen, dass uns diesen Schmerz niemand abnehmen kann und sollte. Die Trauerarbeit muss jeder ganz allein leisten.

Es erfüllt mich mit Stolz, dass mein Land die Sterbehilfe gestattet - es steht der humanistischen Tradition der Schweiz gut an, es dabei zu belassen.

Orlando hat gesagt…

@Fufi: wir können so behauptend hin und herdiskutieren, es bringt nichts. Fakt ist: es gibt kein Recht (im juristischen Sinne) auf den eigenen Tod. Suizid ist lediglich nicht geregelt (oder un-verboten) aber er ist deswegen nicht erlaubt, oder gar ein Recht.

Auf alternative Begründungen, warum jemand in seinen Tod einwilligen können soll, bin ich gespannt. Theologisch sehe ich wenig Chance für eine solche These. Also, fufi, aus welchem Prinzip leitest du diese deine Aussagen ab?

Und, zweitens: nach deiner These dürfte ein Arzt also nur noch Medikamente geben, palliative care betreiben und lebens

@Carolina: Sie gehen von einer für mich falschen Beliebigkeitsethik aus. Egal was mein Patient gerade sagt und denkt, es wird schon richtig sein. Wenn er sterben will ist das schon okay und es ist ja das beste für ihn.

Nein! Das Sterben gehört um Leben, wie der anstrengende Vorgang der Geburt auch. Wenn wir es abkürzen, weil wir UNS den traurigen Anblick ersparen wollen, UNS anmassen, jemand von seinen Schmerzen zu erlösen in dem wir ihn einschläfern - dann spielen wir Gott.

Das Sterben ist kein Problem, das wir lösen müssen.
Der Tod ist Schicksal.

Wir in unserem Machbarkeitswahn. Aus lauter Angst vor unserem eigenen Alter, Verfall, Krankheit, Sterben, Tod, vor lauter Furcht sperren wir das Streben weg, verschliessen die Augen vor ihm und wollen das "Problem" mit sauberen Mitteln lösen. Tailormade, schmerzlos, diskret, sauber. Sehr schweizerisch. Als handelt es sich um die Auflösung eines Bankkontos.

Ich schliesse mich voll und ganz Meta an:

"Nein, der Tod ist Schicksal, das ist nicht personifiziert, es wird einem weder massgeschneidert noch serviert. Manche gehen im Schlaf nach einem langen Ausritt am Vortag, in der Blüte eines junggebliebenen Alters, und sei es in den Achtzigern. Andere leiden jahrelang fast über ihre Kräfte hinaus, ohne sich zu einem Suizid durchringen zu können, sei es aus religiösen Gründen, wegen der Hinterbliebenen oder einer anderen Verantwortung, die sie noch zu tragen haben."

Wenn sie es mit jemandem zu tun hätten der sich in seiner Wohnung einschliesst und sich zu Tode fressen will, so dass er 300 Kilogramm später mit einem Abbruchteam und einem Kran aus der Wohnung gehievt und mit dem Hubschrauber in den Notfall transportiert werden muss: ist das dann auch zu akzeptieren, ist sein Wille dann auch ausschlaggebend und der einzige gültige Massstab? Oder wie verfahren sie da?

Orlando hat gesagt…

Ah, an Fufi war ich noch gar nicht fertig mit schreiben: Nach deiner Ansicht sollen also Ärzte keine Medikamente, keine palliative care und geschweige denn Maschinen anhängen können, wenn es der Betreffende scheinbar grad nicht will? Die Ärzte sollen Abschied nehmen vom hippokratischen Eid? Du weisst aber schon, welche Büchsen du da öffnest, welche Türen du damit aufstösst?

Orlando hat gesagt…

Und fufi, wenn die siese Frage mit ja beantwortest, dann sehe ich nicht, was du für ein Problem damit hast, wenn Religiöse keine Bluttransfusionen, kein Abstellen der Koma-Maschine, weil sie einen Funken Hoffnung sehen, dass sie doch noch zurückkommt (Terri Schiavo).

Carolina hat gesagt…

Sie haben völlig Recht, Orlando: es lohnt sich wirklich nicht, mit Ihnen darüber zu diskutieren. Es kommt, wie meistens, wenn Sie länger mit mir zu tun hatten, der Beliebigkeitsvorwurf; Sie überlesen, was ich genau tue bzw nicht tue (nämlich NICHT, auf Befehl zu erscheinen, jemandem auf den Kopf hauen oder ihn zu zwingen, doch jetzt endlich Schluss zu machen, weil es mir und irgendwelchen Verwandten nicht in den Kram passt, dass er länger lebe), Sie können es nicht ertragen, dass es Menschen gibt, die allen theologischen oder religiösen Konditionierungen zum Trotz selbstbestimmt ja zum Tod sagen! Und genau deshalb gibt es das Ja zum Tod - sonst könnte nämlich niemand sterben. Das kommt, egal auf welche Weise man stirbt, immer aus einem selbst heraus, selbstverständlich ist das Schicksal, was denn sonst?

Meta hat es schon gefragt: wer um Himmels willen massen Sie sich an zu sein, dass Sie Menschen diese Selbstbestimmtheit nicht gewähren können? Ich nehme mir dieses Recht nicht heraus, sondern versuche Mitgefühl (nicht: Mitleid) gegenüber der Kreatur zu leben.

fufi hat gesagt…

@Orlando

JA, ich weiss was ich damit sage!
Und ich weiss auch, welche Tore zu künftigem Missbrauch ich damit öffnen täte.

Bloss:
KEIN MENSCH darf entscheiden über Leben oder Tod.
Und KEIN MENSCH darf einem anderen Menschen vorschreiben, wie dieser denn über SEIN Leben und SEINEN Tod zu entscheiden habe!

DIESE Entscheidung liegt weiter oben.
Und wenn sich denn ein Mensch SO entscheidet, hat er sich eindeutig NICHT vor irgendwelchen MENSCHEN zu verantworten.
Und vor KEINER Kirche und KEINER Religion.

Orlando hat gesagt…

"KEIN MENSCH darf entscheiden über Leben oder Tod.
Und KEIN MENSCH darf einem anderen Menschen vorschreiben, wie dieser denn über SEIN Leben und SEINEN Tod zu entscheiden habe!"

Das ist ein Paradox, fufi.

@Carolina: ja, und der zweite Vorwurf wäre noch, dass sie immer alles auf sich beziehen und dann eingeschnappt sind. Hysterisch eben.

Ich sage - allen flammenden Reden pro Sterbehilfe et al. zum Trotz - dass es unterschiedliche Standpunkte gibt. Und dass wir nicht von einem Einzelfall ausgehen können (alter Mann bittet auf dem Siechbett, doch endlich gehen zu können), wenn wir nicht zuerst das Grundsätzliche geklärt haben. Sonst haben wir eben die akzidentelle Beliebigkeit, die Missbrauch Tür und Tor öffnet.

Ich frage mich auch, ob Mitgefühl eine geeignete Basis ist. Das Wort sagt es schon: man wird zum Mitgeher, Mitfühler, Mitleider und fällt die Entscheidung, die eben nicht mehr rational ist.

Salopp gesagt: Man pfuscht dem Schicksal ins Handwerk. Es ist nicht an uns, die Stunde des Todes zu bestimmen. Weder unseres eigenen Todes, geschweige denn jene eines anderen Menschen. Und genau das tun die Verantwortlichen, wenn sie beim Sterben nachhelfen. Denn dass der Tod kommt, ist ja hier schon klar, es geht nur darum, ihn etwas zu beschleunigen. Das finde ich verwerflich.

Also, ich wäre ja fast noch gewillt zuzustimmen, dass die alleinige Verfügungsgewalt über Tod und Leben beim Individuum ist. Was aber, wenn er medikamentös abgefüllt, depressiv wegen den Schmerzen, deliriös etc. ist? Und gänzlich urteils- und handlungsunfähig? Und in diesem Fall eben nicht mehr frei verfügen KANN (und sich Z.B. das Leben nehmen)?

Dann überträgt er - ganz richtig - die Verfügungsgewalt über sein Leben an die Aussenstehenden. Es ist also keine gültige Einwilligung in den Tod, sondern nur eine Übertragung der Verfügungsgewalt über Tod und Leben!!
Und die Aussenstehenden verfügen dann, wie gesagt, über ein fremdes Leben und benehmen sich also wie Gott. Finger rauf, Finger runter.

Wie man das begründen, legitimieren will, ist mir ein Rätsel.

Entweder wir akzeptieren das Schicksal oder wir beginnen damit, Erlöser für andere Menschen zu spielen. Es gibt nur entweder oder..

fufi hat gesagt…

Oh ja, Orlando

Ich weiss, dass da noch einiges im Paradoxen liegt, sozusagen.
Nun denn: ICH hab's nicht erfunden!
Und was wäre, wenn Jesus als Esel zur Welt "zur Welt!!!" gekommen wäre.
Wären wir denn auch erlöst?
Ich meine JA.
Aber ich weiss, es ist paradox.

Jedenfalls:
Es gibt Situationen, die sind paradox.
Und dennoch müssen wir genau in diesen Situationen Entscheidungen treffen.

Paradox? - Meinetwegen.
Existentiell - Bestimmt!

Orlando hat gesagt…

"Und dennoch müssen wir genau in diesen Situationen Entscheidungen treffen."

Ha, da ist sie, die Hybris!

Nein, müssen wir absolut nicht, der Tod kommt von allein.

Carolina hat gesagt…

Orlando, ich entscheide nichts, aber auch gar nichts, wenn es um andere geht!

Ich bin nicht beleidigt und als besonders hysterisch empfinde ich mich auch nicht (habe mal eine kleine Umfrage gemacht: meine Familie empfindet mich heute als besonders entspannt).

Meines Erachtens sind die Rahmenbedingungen für die Sterbehilfe gegeben - damit haben all die Einzelfälle, aus denen sich die statistische Zahl der Inanspruchnehmenden zusammensetzt, zumindestens einejuristische Legitimation.

Wenn Sie die wunschgemässe Beendigung eines Lebens von dritter Seite für verwerflich halten, müssen Sie konsequenterweise auch die Apparatemedizin und die künstliche Verlängerung von Leben verurteilen. Tun Sie das?

So - und jetzt einen schönen Abend allerseits. Und keine Hysterien bitte!

mila hat gesagt…

Der Tod meiner Grossmutter

Als meine Grossmutter starb, war es Sommer. Eine Jahrhunderthitze. Meine Mutter sass neben ihr und legte ihr kühlend-nasse Lappen auf, immer und immer wieder. Anders war der Hitze nicht beizukommen.

Als meine Grossmutter starb, war es genau ein Vierteljahrhundert her, seit mein Grossvater von einem unverhofften Herzinfarkt dahingerafft worden war. Ein schneller Tod anstelle des quälend langsamen, der ihm eben erst mit einer Leukämiediagnose ohne Aussicht auf Heilung eröffnet worden war. Ein schneller Tod - zu schnell für meine Mutter. Sie hatte gedacht, sie hätte noch Monate Zeit, um sich zu verabschieden; doch der Tod schlug ihr ein Schnippchen.

Meine Mutter war diese geraubten Monate über kaum ansprechbar in Schwarz. Die Grossmutter sollte sich gar nicht mehr von dem Schicksalsschlag erholen und legte sich alsbald ins Krankenbett, von dem sie sich in der Folge nicht mehr erhob. Die letzten fünfzehn Jahre verbrachte sie liegend und bei seltener Gelegenheit - Hochzeiten, Taufen, Todesfällen - im Rollstuhl, auf dem Dorf, inmitten ihrer Lieben. Wenn die Lieben denn nicht gerade in der Ferne weilten, welche ihnen längst zur zweiten Heimat - der Heimat ihrer Kinder - geworden war.

Als meine Grossmutter starb, hatte sie sich bereits zweimal zum Sterben bereit gemacht. Sie hatte ihr Vorhaben der Tochter angekündigt, und beide Male war diese an ihr Sterbebett geeilt, um sie von den Toten zurückholen. Diesmal würde der Tod ihr kein Schnippchen schlagen, dachte sie; dieses Mal nicht. Die Mutter würde sie ihm verweigern, entziehen, entborgen; solange irgend möglich. Die Grossmutter spürte wohl die verzweifelte Liebe und bedürftige Not der Tochter und tat, wie ihr geheissen: sie kehrte einmal, zweimal unter die Lebenden zurück.

Es wäre beides Mal ein vergleichsweise leichter Tod gewesen; der Erkältungstod eines bis zur Unkenntlichkeit geschwächten Organismus. Doch die Grossmutter liess den Tod, den sie sich so sehnlich gewünscht hatte, vorbeigehen: einmal, zweimal. Als er zum dritten Mal an die Tür klopfte, war er nicht mehr so grossmütig wie die beiden Male zuvor. Denn als er zum dritten Mal vorstellig wurde, kam er nicht in der Gestalt eines mehr oder weniger sanften Entschlafens. Dieses Mal, so stellte sich bald heraus, würde meine Grossmutter um ihn kämpfen müssen - nicht er um sie.

Als meine Grossmutter endlich starb, starb sie unter unaussprechlichen Schmerzen, die durch die medizinisch bereitgestellten Opiate nicht mehr gelindert werden konnten. Sie starb, während sich ihre Lunge unaufhaltsam mit Flüssigkeit füllte; röchelnd, spuckend, hustend. Jeder Atemzug eine unendliche Qual. Und dann diese unsäglich Hitze: der Tod im Winter hätte ihr auch dieses Martyrium erspart. Meine Mutter sass in diesen letzten, schweren Tagen neben ihr, mit sich hadernd, zweifelnd. War es richtig gewesen, der Mutter den früheren, leichteren Tod zu verwehren, oder sollten die dem Tod abgerungenen Jahre am Ende ein einziges, langes Sterben gewesen sein? Sie hat bis heute keine zufriedenstellende Antwort gefunden.

Als meine Grossmutter starb, befand sie sich im Delirium. Dennoch war ihr Tod nicht friedvoll, und er hinterliess auch keine nach langer Krankheit mit dem Schicksal versöhnten Hinterbliebenen. Und weil der Tod meiner Grossmutter alles war, nur nicht friedvoll, fürchtet sich meine Mutter seitdem vor ihrem eigenen. Nicht ihretwegen, nein; ihre Furcht gilt uns.

Als meine Grossmutter starb, im gleissenden Licht eines strahlenden Julimorgens, war ich nicht da, um die Hand meiner Mutter zu halten. Sie starb an einem 9. Juli, einen Tag nach dem Geburtstag meiner Mutter. Meine Mutter weiss: die letzte Anstrengung ihrer Mutter hatte dem letzten Vorhaben gegolten, nicht am Geburtstag der Tochter zu sterben.

Meta hat gesagt…

Dass die Sterbehilfe in den meisten Ländern der Welt verboten sein soll, O, das möchte ich erst mal belegt haben! Der Satz stimmt, wenn man von *aktiver* Sterbehilfe spricht. Daher der leidige Todestourismus in die Schweiz. Die *passive* Sterbehilfe ist in westlichen Kulturen breit akzeptiert. Und ich wage zu sagen: ein absolutes Luxusproblem, das so manches Drittweltland bestimmt juristisch gar nicht geregelt hat - weil es nur in Gesellschaften vorkommt, die genug Ressourcen haben, um Leute künstlich am Leben zu erhalten, die schon längst eines natürlichen Todes gestorben wären, wenn man sie denn gelassen hätte.

Die Todesfälle, die ich angesprochen habe, waren alle weitgehend natürlich. Die Abgrenzung ist gerade bei terminal kranken Lungen- oder Tumorpatienten, die palliativ Opiate brauchen, manchmal nicht einfach, aber ich kenne keinen Fall, wo ein Kollege die Opiate höher dosiert hat in der bewussten Absicht, den Tod herbeizuführen. Allerdings ist es schon so, dass man das Risiko manchmal einfach in Kauf nehmen muss, wenn ein grässliches Leiden nicht anders zu lindern ist und es der klare Wille des Patienten ist, nicht z.B. jämmerlich zu ersticken. (Eine der hässlichsten Todesarten, die ich kenne.) Ein einziger Patient von mir hat - wie erwähnt - mal Exit beigezogen. Ich habe nichts beigetragen, aber auch nicht widersprochen; es kam für alle Beteiligten gut, soweit ich gehört habe.

Carolina, alles ist möglich. Ich habe noch nie miterlebt, wie ein Kind stirbt. Ein Freund ist jedoch Kinderonkologe und sagt, die Kinder stürben sehr - es entfällt mir, wie er es formuliert hat: souverän? Ruhig? Sie hadern anscheinend viel weniger mit dem Schicksal als wir Grossen. Für die Eltern ist es allemal brutal.

Mila, zu Dir komme ich gleich noch -

Meta hat gesagt…

Wikipedia unter "passive euthanasia" bestätigt die Meinung, die ich in einem Kurs in Medizinrecht gebildet habe, vor langer Zeit:

The judicial sense of the term "homicide" includes any intervention undertaken with the express intention of ending a life, even to relieve intractable suffering.[49][50][51] Not all homicide is unlawful.[52] Two designations of homicide that carry no criminal punishment are justifiable and excusable homicide.[52] In most countries this is not the status of euthanasia. The term "euthanasia" is usually confined to the active variety; the University of Washington website states that "euthanasia generally means that the physician would act directly, for instance by giving a lethal injection, to end the patient's life".[53] Physician-assisted suicide is thus not classified as euthanasia by the US State of Oregon, where it is legal under the Oregon Death with Dignity Act, and despite its name, it is not legally classified as suicide either.[54] Unlike physician-assisted suicide, withholding or withdrawing life-sustaining treatments with patient consent (voluntary) is almost unanimously considered, at least in the United States, to be legal.[55] The use of pain medication in order to relieve suffering, even if it hastens death, has been held as legal in several court decisions.[53]

Meta hat gesagt…

Mila, on second thought: what can I say? Danke für die Geschichte. En passant hast Du meinen Punkt über die Opiate indirekt bestätigt. Auch palliativ kann man nicht alles bieten.

Gute Nacht.

Meta hat gesagt…

P.S. Indien: http://www.thehindu.com/news/national/article1516973.ece

Interessant!

Meta hat gesagt…

- und: http://psycnet.apa.org/index.cfm?fa=buy.optionToBuy&id=2007-14139-001: "...while a general acceptance of passive euthanasia was reported to be widespread..." (49 Länder, 1998)

Hätte der liebe Gott denn gewollt, dass wir jemanden festhalten, den er zu sich rufen will? Um es in einer Sprache zu formulieren, die ich selten verwende. Mit der ich aber durchaus was anfangen kann. Es gibt doch dieses Grimm-Märchen mit dem Arzt, der dem Tod ins Handwerk pfuscht und dann sein verlöschendes Lebenslichtlein vorgeführt kriegt. Brr! Jetzt aber wirklich gute Nacht.

Laura TI hat gesagt…

Carolina mir stösst ein Satz sehr sauer auf :"Sie können es nicht ertragen, dass es Menschen gibt, die allen theologischen oder religiösen Konditionierungen zum Trotz selbstbestimmt ja zum Tod sagen!"
Kann ich nur "ja" sagen, wenn ich bei Exit mitmache? Kann ich nur "ja" sagen, wenn ich eine PV unterzeichne? Bin ich konditioniert, nur weil ich eine andere Meinung dazu habe? Darf ich nicht den Mut haben, ja zu sagen zu Leid und Schmerz, wenn ich denn Leid und Schmerz ertragen muss? Kann es nicht auch meine ganz freie Meinung sein, dass ich bewusst den Schritt vom Hier ins Nachher machen will?
Andere Meinungen darf man doch auch einfach als andere Meinung stehen lassen ohne von Konditionierung zu reden, oder?

Carolina hat gesagt…

Laura, mir ist jetzt zum zweiten Mal ein Text einfach so verschwunden, während ich noch am Schreiben war, daher nur noch kurz:

Dieser Satz war eine direkte Replik auf Orlando, der mMn Sterben und seine Formen nur in einem religiösen bzw. theologischen Kontext sehen will - das ist mir viel zu eng gegriffen.

Generell ist für mich entscheidend, dass jeder Mensch im Sterben selbstbestimmt ist. Mit Mut oder überhaupt irgendeiner Wertung hat das für mich nichts zu tun. Jedes Sterben ist völlig individuell, wir können nicht wissen, was mit uns geschehen wird. Wer Hilfe sucht, hat mMn genauso viel Respekt verdient wie jemand, der bewusst Leid und Schmerz zu ertragen bereit ist.

Und jetzt definitiv gute Nacht.

Tiger hat gesagt…

Ach was, Carolina, selbstbestimmt. Nix da. Wann Du stirbst, das bestimmst nicht Du, das wird von den Herrschern der Welt bestimmt. Du bist nur ein kleiner Wurm mit der Illusion der Selbstbestimmung. Alles, was wir versuchen, ist zwecklos.

Anonym hat gesagt…

Meine Cousine war noch keine 14 als sie sterben musste.

Krank, vom Moment ihrer Geburt, ist sie mit Komplikationen und Schmerzen aufgewachsen. Wahrscheinlich haben Sie hier, mit der Frage nach Kindern, die sterben müssen, andere Altersgruppen im Visier gehabt.

Dennoch als erlebtes Bsp: Sie dürfte sich der Endlichkeit ihrer Existenz gezwungenermassen schon sehr früh bewusst gewesen sein. Als es dem Ende zuging und sie bereits im Spital war, getraute sich niemand, ihr die ärztliche Gewissheit zu eröffnen.

Dennoch wusste sie es ganz von selbst: "Ich weiss, dass ich sterben muss.", soll sie zu meiner Grossmutter bei einem letzten Besuch gesagt haben. Sie hat es, ruhig und gefasst, auf sich zukommen lassen.

Vielleicht begreifen wir uns im Angesicht des Todes einfach wieder unmittelbarer als Teil der Natur. Teil einer Natur, die aber - eben - auch keine Apparate und/oder Opiate kennt.

Den Hinweis auf die Dritte Welt finde ich richtig: Dort werden sich die wenigsten Menschen Gedanken darüber machen müssen, weil schlichtweg die Ressourcen fehlen. Den Satz von Caro, der Laura TI, sauer aufgestossen ist, habe ich auch nur als direkte Erwiderung an Orlando verstanden. Und bestimmt hat sie nicht sagen wollen, man müsse bei "Exit" mitmachen, um selbstbestimmt sterben zu können.

Sicher ist bloss, dass ich WEDER natürlich (im Sinne von "der Natur überlassen) NOCH selbstbestimmt sterbe, wenn ich an Schläuchen hänge und - sofern mir die Situation bewusst ist, ich aber keine Verfügungsgewalt mehr habe - meine Gebete bloss noch auf ein erhofftes Versagen der Technik lenken müsste!

...


Mal kurz weiter weg:

Ich meine, dass Geister- und Gespenstergeschichten (oder gar Vorkommnisse?) uns einen interessanten Einblick geben, wie´s denn mit uns Menschlein beim Sterben ausschaut. Dazu eine Hypothese (aus dem hohlen Bauch heraus, ohne mich mit der Materie "Geistererscheinungen" näher auseinandergesetzt zu haben:

Schauergeschichten und "haunted castles", etc. haben praktisch nie mit einem natürlichen Tod zu tun. Meines Empfindens nach (bin ja kein Ghostbuster oder so und interessiere mich - nach zwei seltsamen "Ahnungen" im Zusammenhang mit dem Tod von Personen, die ich kannte - bloss am Rande für so was) sind das ja auch nie Sagen und Legenden, die um kranke Kinder kreisen, wenn die einfach nur natürlich gestorben sind (und sie noch so qualvoll endeten)...
Im Zusammenhang mit früh (natürlich) verstorbenen Kindern geht´s dann höchstens um die Eltern oder Angehörigen, die in der Gruselgeschichte weiter umgehen und diesen Tod aus irgend einem besonderen Grund nicht verarbeiten können.
Die allermeisten Stories um furchterregende Erscheinungen haben stets mit dem Grauen jener zu tun, die NICHT auf natürliche Weise sterben; die qualvoll VOR ihrer Zeit zum Gehen genötigt werden.

Damit können weder die Opfer, noch die Angehörigen in ähnlich gelassener und ruhiger Weise umgehen, wie Menschen - selbst Kinder - ,die ihre eigene innere Uhr nicht mehr weiter ticken hören.

((der Unaussprechliche))

Orlando hat gesagt…

Danke, mila. Aus dieser Geschichte wird ersichtlich dass es keine klinisch sauberen Lösungen gibt, dass das Sterben kein Problem ist, welches man am runden Tisch lösen kann. Man unterschätzt bisweilen den Wert des Leidens - denn ohne erfahrenes Leid kann es doch kein Mitleid geben oder? Wenn wir alles in Watte packen, das Sterben outsourcen, wegsperren, abkürzen, ihm nachhelfen, damit es nur ja nicht dreckig wird...ja dann sperren wir einen ganz wichtigen Teil des Lebens weg.

Und: mE werden hier die Dinge wiedermal durcheinandergewirbelt: es gilt zu unterscheiden zwischen dem geschilderten Fall, wo einer auf dem Sterbebett die Verfügungsmacht über sein Leben abtreten will und den anderen Fragen.

Ich komme da halt mit einem sehr legalistischen Standpunkt (nicht einem religiösen!), um die Unmöglichkeit aufzuzeigen.

Zusammen schaffen wir vielleicht, alle Fragen die es an dem Thema zu erörtern gilt, aufzuwerfen?

mila hat gesagt…

Alles, was ich dazu sagen kann, ist: meine Grossmutter hat ihr Leiden nicht für einen namenlosen Gott auf sich genommen. Sie tat es allein für ihre Kinder, insbesondere für meine Mutter. Deswegen fällt in dieser Geschichte am Ende auch der religiöse Erlösungsaspekt weg.

Ich tendiere entsprechend zu Carolinas Aussage, dass jedes Sterben individuell ist und jeder (im Rahmen seiner Möglichkeiten) entscheiden sollte, wie viel (Mit-)Leid und Schmerz er zu ertragen bereit ist. Meine Grossmutter ist, wie Meta es oben anskizziert hat, jämmerlich und sehr, sehr langsam innerlich erstickt. Für meine Mutter steht fest, dass sie uns ein solches Sterben nicht zumuten möchte - weil sie es selbst miterlebt hat und keine Ruhe darin fand. Ich kann nur hoffen, dass wir noch Jahrzehnte davon entfernt sind, uns ernsthaft mit dieser Thematik auseinanderzusetzen.

Der Vater meiner Schwiegermutter hat sich hingegen, als er krank und an Schläuche gefesselt im Spital lag, für einen anderen Ausgang entschieden. Er hat jegliche Nahrungsaufnahme verweigert, obwohl er medizinisch betrachtet noch eine ganze Zeit lang (von anderen) hätte versorgt werden können. Auf emotionaler Ebene kommt meine Schwiegermutter bis heute mit dem Gedanken nicht klar, dass ihr Vater freiwillig ging, obwohl er noch eine geraume Weile hätte bleiben können. Auf rationeller Ebene (und mit dem Stolz der Tochter) betont sie immer, was für ein freiheitsliebender Mensch ihr Vater war.

Der Vater meines Schwiegervaters, ein Mann immerhin, der mit 90 noch auf dem Velo zum Markt fuhr (wegen der Äpfel, wie er zu sagen pflegte), hat - halbseitig gelähmt nach einem Schlaganfall in methusalemschen Alter - seine letzten Monate im Spitalbett mit einer Würde und einem Gleichmut erduldet, die ich kaum beschreiben kann. Für jeden hatte er ein freundliches Wort und das eine oder andere Spässchen auf Lager. Aber das ist wieder eine andere Geschichte.

Anonym hat gesagt…

???

Weder hat Caro eine "klinisch saubere Lösung" propagiert, noch war von einem "runden Tisch" die Lösung. Den (impliziert mehrere Beteiligte) runden Tisch braucht es auch kaum mehr, wenn der Sterbende selber klar vorgeben könne, wie er dies zu handhaben wünscht und das dann einfach nur respektiert würde.

Vom Unterschätzen des Leidens kann schon überhaupt keine Rede sein! Als ob das natürliche Sterben ein Sonntagsspaziergang wäre. Weggesperrt wird der Tod gerade dadurch eben nicht, es wird ihm nicht nachgeholfen in dieser Geschichte von Caro und er wird auch nicht abgekürzt, sondern eben nicht künstlich, am Willen des Sterbenden vorbei und damit respektlos, amoralisch und - will man an eine höhere Ordnung glauben - areligiös, verlängert.

Ja. Hier werden einige Dinge durcheinander gewirbelt.

Einer ernsthaften Erörterung des Themas - so denn überhaupt gewünscht - alles andere als dienlich.


((der Unaussprechliche))

Carolina hat gesagt…

Mila hat es gut beschrieben, die Vielfalt, mit der Sterben und Tod einhergehen. Nochmal: jeder Fall ist anders und in der Schweiz ist dieser Vielfalt rechtlich Rechnung getragen.

Zur Klarstellung (hoffe ich):

Genau, weil es sehr selten oder nie 'saubere klinische Lösungen' gibt (geben kann, denn es ist das Wesen des Todes, das er für uns alle unvorhersagbar und undurchschaubar ist), halte ich es für einen Segen, dass jeder selber entscheiden kann, wie er sich auf seinen Tod vorbereiten will. Plötzlicher Tod, womöglich in jungen Jahren, ist mEn für die Angehörigen auch eine Aufforderung, sich mit der Sterblichkeit auseinanderzusetzen - wie und ob, bleibt ihnen selbstverständlich selber überlassen.

Für mich als Sterbebegleiterin ist es essentiell, die gesamte Bandbreite zu sehen, zu erfahren und respektieren. Die Basis für meine 'Arbeit' ist der Respekt vor der Vielfalt.

Zur Sterbehilfe: Man hat manchmal das Gefühl, dass ein Gesetz für Zwangssterbehilfe in Arbeit ist - dabei ist das freiwillige Sterben lediglich ein Angebot. (Ich sehe bei Dignitas allerdings Diskussionsbedarf - nicht weil Ausländer bei uns sterben dürfen, sondern wegen der Undurchsichtigkeit und Nichtoffenlegung der Finanzen und Aktivitäten. Meta, ich halte den Sterbetourismus auch nicht für 'unsäglich', sondern für einen 'act of kindness').

Und zur Apparatemedizin: Nicht-Sterben-Können ist in der Regel ein Noch-Nicht-Sterben-Wollen, das gilt es mMn zu respektieren. Auch ein alter Mensch mit der Aussicht, monatelang dahinzusiechen, darf nicht, ohne klare und eindeutige Verfügung, von den Geräten abgenommen werden. Heutzutage werden alte Leute bei Eintritt in ein Heim zum Ausfüllen einer PV aufgefordert - es ist erstaunlich, wieviele das als Uebertretung wahrnehmen. Auch das gilt es zu respektieren: es ist sozusagen eine umgekehrte Willenserklärung, keine PV auszufüllen und damit auch ein langwieriges, schmerzvolles Sterben in Kauf zu nehmen.

Carolina hat gesagt…

Danke, Gabi. Auch für den Versuch, Klarheit in meine durchgewirbelten Gedanken zu bringen. Diese mangelnde Ordnung hat sicher auch damit zu tun, dass ich irgendwann realisiert habe, dass die Themen Sterbebegleitung und Sterbehilfe natürlich auch sehr persönliche sind - damit bearbeite ich auch etwas, was für mich selber essentiell ist. Letztlich ist es eine Uebung im mich-immer-wieder-zurücknehmen, was meinem Temperament doch ziemlich zuwider läuft. Ich habe ja offen gesagt, dass mich jeder Fall, und der hier geschilderte ganz besonders, wieder zum Hinterfragen und Ueberdenken bringt.

Danke auch, Mila. Sie haben gut geschildert, dass das Sterben etwas ganz individuelles ist - immer, wenn ich denke, dass ich einen roten Faden gefunden habe, taucht wieder etwas auf, das alles in Frage stellt.

Orlando hat gesagt…

Ja, mila hat es treffend ausgedrückt: Das Sterben als "Zumutung" für die Lebenden. Dabei möchten wir es so gern in geordnete Bahnen lenken, steril und aseptisch. Zum Sterben bitte Nümmerli ziehen und anstehen. Wie ich schon sagte: Das Leben beenden, wie als löste man ein Schweizer Bankkonto auf. Das ist recht eigentlich ein Sterbe-Service, all inclusive, hier werden sie gestorben, setzten sie nur ihre Unterschrift rechts unten hin. Bald gibt es neben Verrichtungsboxen auch Sterbeboxen, diskret und sauber, damit die Anwohner nicht gestört werden durch den Anblick von Krankheit, Leiden, Tod.
Der Tod als Beleidigung von uns modernen allmächtigen Menschlein, die das ganze Leben, die Menschen, den menschlichen Körper, die Gesellschaft "engineeren".

Wieso wohl ist Dignitas wohl "undurchsichtig", Caroline? Sie dürfen kein Geld damit verdienen, sonst wäre ja ein finanzielles Interesse belegt und das ganze müsste strafrechtlich geahndet werden. Deshalb lassen sie sich auf andere Weise finanzieren - eine Sterbemafia ist das!

Sie vor allen anderen sollten Klarheit haben, Carolina. Nein ich pflege meine Wortmeldungen nicht mit "ME", "mMn", oder ähnlichem zu dekorieren Dass es meine Meinung ist ist ja wohl klar.

Sie sollten Klarheit haben. Oben habe ich ihnen den juristischen Ansatzpunkt erklärt, konsultieren sie die Fachliteratur, wenn sie mir ncht glauben. Die Verfügungsgewalt über das eigene Leben kann man nicht an jemanden anderen übertragen. Das heisst, man kann, nur mutet man dem anderen eine Verantwortung zu, die kein Mensch haben sollte.

Weil kein Mensch, und sei es aus "Pietät", das Leben eines anderen Menschen beenden dürfen soll.

zysi hat gesagt…

@carolina

sterben hat was ganz privates, selbstbestimmtes zu sein.
was sich mir nicht ganz erschliesst ist:
wozu delegieren wir die legitimation dieser entscheidung dann an die allgemeinheit (gesetzl. regelung zum sterben)?

allgemein müsste ich dieser prinzipiellen logik zufolge, dann auch alle weiteren die gesundheit betreffenden entscheidungen, jedem menschen (alters- und situationsunabhänigig) selber überlassen; tun wir dies?

nein, da schliesse ich mich im grundtenor O an. diese situative ethik ist effektiv humanistisch und eben nicht menschenwürdig. wir wollen anscheinend stets das menü, aber die küche aufräumen und geschirr waschen, wollen wir dann nicht mehr....

mila hat gesagt…

Wenn ein geistig zurechnungsfähiger Mensch entscheidet, dass er (aus welchen Gründen auch immer) in bestimmten Situationen keine lebenserhaltenden Massnahmen erhalten möchte, und wenn er selbiges zudem noch in einer Patientenverfügung schriftlich festhält, dann delegiert er sein Sterben keineswegs an andere, vielmehr verbittet er sich unerwünschte äusserliche Eingriffe in sein (Über-)Leben - zumindest sehe ich das so. In solchen Fällen ist es müssig, dem Betroffenen das Recht auf selbstbestimmtes Sterben in Abrede zu stellen (wahlweise mit Verweis auf seine Verantwortung gegenüber Dritten oder in Rechenschaftspflicht gegenüber einem Gott, an den längst nicht jeder mehr glauben mag).

Mögliche Streit-Fälle sind für mich solche, wo keine Ansprechenbarkeit (beispielsweise des Tiefkoma- oder Demenzpatienten) gewährleistet ist, wo ein Weiter-Leben (beispielsweise des Dauerdepressiven oder chronisch Kranken) ohne (massive) lebenserhaltende Massnahmen durchaus (noch) möglich wäre - kurzum: wo die passive Sterbehilfe in die aktive umkippt. Having said that: Tumorleidenden im Endstadium die gewünschte, über kurz oder lang tödliche Opiatdosis zu verweigern, halte ich für zutiefst unmenschlich - und damit ethisch verwerflich.

Die skizzierten Ausgangslagen könnten also unterschiedlicher nicht sein; entsprechend unterschiedlich sind sie zu diskutieren.

mila hat gesagt…

Der Unmissverständlichkeit halber: ich meinte den Dauer-Tief(st)-Depressiven, nicht die weniger schweren, episodisch auftretenden Krankheitsverläufe.

Eni hat gesagt…

Ein Mensch hat sich entschieden zu sterben (in vollster, geistiger Gesundheit) und diesem Wunsch ist zu entsprechen. Punkt.

Franz Oettli hat gesagt…

Manchmal denke ich, wir gehen zu ernst mit dem Tod um. Er ist normal, kommt häufig vor und wir werden alle sterben. C'est la vie, und das ist nicht sarkastisch gemeint. Manchmal hilft auch gesunder Menschenverstand und etwas Pragmatismus: Was hätten denn Herrn Z. weitere mühsame Jahre gebracht, wo er sich doch vorher klar ausgedrückt hat? Das Leben geht weiter und aus uns wird vielleicht organischer Dünger, so einfach ist das. Gestern habe ich mir die DVD mit dem Titel Copacabana angeschaut. Dort wirkte der Tod der Oma als Katalysator für den Frieden in der Familie. Ist doch schön, oder?

Es ist aber der Sterbeprozess, wo ich finde, dass er möglichst schmerz- und angstfrei vonstatten gehen soll.

Franz Oettli

Meta hat gesagt…

Carolina 10:43: einerseits ist der Unwille, sich mit einer Patientenverfügung zu befassen, durchaus zu respektieren. Andererseits erlebt man es als Fachidiotin oft als irgendwas auf einem Spektrum von, wie sag ich das bloss diplomatisch? - von Verdrängung bis Gedankenlosigkeit. Der Tod ist aus unserem Alltag verschwunden und fand, als ich 25 war, hinter verschlossenen Türen statt, wie etwas Unsittliches, im Flüsterton und à tout prix bekämpft von den Halbgöttern in Weiss. Mich hat das auf mehreren Ebenen schockiert. Mein erster Chef war ein ganz klassischer Vertreter der Eternal Medicine, und ich habe mir vorgenommen zu tun, was ich kann, um nicht als lebender Leichnam zu enden. Exit würde ich nur bemühen, wenn es zum Äussersten käme. Die meisten Todesarten, die das Schicksal für uns in petto hält, sind gangbare Wege. Die palliativen Möglichkeiten inklusive die Opiate mit ihren ganzen Nebenwirkungen würde ich nötigenfalls ungeniert ausschöpfen lassen. Schon vorher hat man vieles selbst in der Hand. Beispielsweise sich keine fünfzehn Zentimeter dicke, goldgelbe, pfluderweiche Unterhautfettschicht zuzulegen, die auf alles drückt, von den Gelenken bis zur Lunge. (Sorry. Schon der Seziersaal hinterlässt Spuren.)

Mila: amen. Die Nahrung verweigern viele sehr alte Leute, sicher nicht immer so bewusst. Das wird seit Jahrtausenden praktiziert. Relativ neu und in meiner Weiterbildungszeit noch umstritten war es, sehr kranke Menschen verdursten zu lassen, wenn sie nicht aktiv trinken. Oft versagt das Durstgefühl am Lebensende, und mit ihm die Nieren. In meiner zarten Jugend war die Lehrmeinung noch, man müsse solchen Leuten unbedingt Flüssigkeit einflössen. Das ist heute anders. Übrigens kein Vergleich mit dem Erstickungstod, sondern oft ein erstaunlich friedliches Verdämmern (genau wie man es bei schwerstkranken Dialysepatienten beobachten kann, die sich entscheiden, die Blutwäsche nicht mehr von der Maschine durchführen zu lassen).

Heute dem Kind das Schneewittchen vorgelesen und gedacht, als die Zwerge die schöne Scheintote beweinen, drei Tage und drei Nächte lang: Früher hielt man Totenwachen. Man nahm Abschied. Man wusste von klein auf, was der Tod bedeutet, was da auf einem zukommt. Und heute? Correct me if I am wrong, aber so mancher wird erst an der Schwelle zum AHV-Alter vom Thema überrumpelt, wenn seine Eltern todkrank werden. Es kann erstaunlich schwer sein, den Leuten zu vermitteln, dass es Grenzen gibt, nicht so sehr des Bezahlbaren, aber des Machbaren und Sinnvollen. Stichwort Alzheimerbehandlung, Stichwort Tumortherapien in aussichtslosen Situationen. Und es findet sich natürlich immer irgendwo ein Arzt, der alles rausholt, was rauszuholen ist. No pun intended.

Das mit der Patientenverfügung meine ich in diesem Sinn: es gehört zu unserer Selbstverantwortung, sich mit unserem Abgang zu befassen und das nicht von vornherein der Medizinerzunft zu überlassen. Der Tod gehört zum Leben. Und der Abwehrreflex, den viele aus der Generation meiner Eltern dagegen haben, ist aus meiner Sicht ein Kind des Fortschrittsglaubens in der Nachkriegsgeneration. Vielleicht wird es in unserer Generation etwas einfacher. Nicht nur zweifeln wir die ärztliche Autorität viel eher an als unsere Eltern. Wir kamen auch nach Kübler-Ross, nach Jessica Mitfords The American Way of Death, nach Evelyn Waughs The Loved One. Am besten gealtert ist wohl das älteste dieser Bücher, das von Waugh, da erfunden.

In diesem Sinn finde es eine ganz hervorragende Idee, Sterbebegleitungen zu machen. Auch für einen selber. I take my hat off to you, Carolina!

Mourir, cela n'est rien, mais vieillir, ah, vieillir! (Brel.)

Bonne nuit.

Meta hat gesagt…

P.S. (schon wieder): Mila, amen auch zu 17:54. Können wir hier endlich mal eine Linie ziehen zwischen aktiver und passiver Sterbehilfe und Beihilfe zum Suizid? Carolina schreibt von der passiven! Und O, aber auch Zysi, antworten darauf, als ginge es um die aktive oder mindestens um die Beihilfe zum Suizid.

Was mich zurück führt zum Sterbetourismus: ok, Carolina, ich ersetze "unsäglich" durch "leidig". Aber leidig ist es schon. Ein bisschen. Fachidiotisch betrachtet. An Exit habe ich bisher keine grundsätzlichen Zweifel. Dignitas ist mir suspekt, ohne dass ich genau formulieren könnte warum. Viel gelesen, viel vergessen. Es klingt ein bisschen heilsbringerisch... Ich bin sicher, dass auch in Ländern mit strengeren Gesetzen diese Gesetze nicht immer so gehandhabt werden, wie sie im Buch stehen. Siehe den zweiten (glaubich) meiner gestrigen Links. So gesehen ist ein Grossteil des Sterbetourismus wohl gar nicht nötig.

Meta hat gesagt…

Zysi, sprichst Du den Drogenkonsum an? Gesundheitsentscheidungen werden tatsächlich dem einzelnen überlassen. Solange von ihm keine Fremdgefährdung ausgeht. In einer Gesellschaft, die Drogen verbietet, wird von einem Drogenkonsumenten eine gewisse Fremdgefährdung ausgehen. Wahrscheinlich auch in einer Gesellschaft, die Drogen toleriert, siehe Alkohol, der bei so vielen Gewalt- und Beziehungsdelikten im Spiel ist. (Warum Nikotin und Alkohol legal sind und Cannabis nicht, habe ich nie nachvollziehen können.)

Dieser Kurs in Medizinrecht war faszinierend. Der Dozent sagte sinngemäss: wer sich selbst gefährdet, der gilt als krank, und den übergibt die Gesellschaft den Ärzten; wer andere gefährdet, der gilt als kriminell und wird den Juristen übergeben.

Von der Fremdgefährdung abgesehen ist es eben schon so: Ein Patient hat jedes Recht, unvernünftig zu leben und Behandlungen zu verweigern. Das betrachtet unsere Gesellschaft als Privatsache. (Die Versicherung hat dafür auch das Recht, ihm die Leistungen zu kürzen, wenn er Base-Jumping betreibt.)

Grundsätzlich einverstanden bin ich damit, dass das ganze Aufhebens um juristische Leitplanken am Lebensende etwas übertrieben ist. Die Schweiz fährt meist gut damit, nicht alles bis ins Detail mit hundert Paragraphen zu regeln. Der gesunde Menschenverstand und etwas Erfahrung finden Antworten auf die meisten Fragen. Und weltweit wird wohl doch einiges ähnlicher gemacht, als es in den Gesetzbüchern steht. Ein Problem sind halt die Fundis, die einem noch das Apparate-Abstellen verbieten wollen. Da macht es schon Sinn, wenn der Gesetzgeber sagt: Doch, das darf man. Ob man sich wohl fühlt dabei, dem Buchstaben des Gesetzes zu folgen, oder dann doch noch das Gespräch mit seinen Fundi-Angehörigen sucht, wenn es so weit ist, bleibt jedem selber überlassen.

Ab!

Meta hat gesagt…

... zur Verrechtlichung dringend empfohlen noch dieser Fall:

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/sterbehilfe-der-richter-und-der-arzt-1724047.html

QED.

Meta hat gesagt…

... und zur juristischen/legalistischen Argumentation diese Überlegungen dazu: http://faz-community.faz.net/blogs/biopolitik/archive/2008/12/04/verfahren-ohne-h-252-ter-das-r-228-tselhaft-wirkende-sterbehilfeverfahren-vor-dem-landgericht-magdeburg.aspx
Gott sei Dank, und das formuliere ich jetzt bewusst so, wurden die beiden Kollegen vollumfänglich freigesprochen. Was danach aus Professor S. geworden ist, weiss ich nicht. Grässliche Geschichte. Zumindest aus fachidiotischer Sicht. Für genau diese Fälle, Zysi, braucht es eben doch ein Minimum an Gesetzen...

Carolina hat gesagt…

Dem ist nichts hinzuzufügen - ich danke den Damen für ihre sprachliche und inhaltliche Klarheit.
Gute Nacht.

PS: Der Besuch heute bei einer noch-nicht-so-alten Dame verlief wundervoll: sie wartete auf mich, wie immer wie aus dem Ei gepellt, mit Perlenkette und Twinset - dabei kommt sie an anderen Tagen kaum mehr aus dem Bett hinaus. Ich weiss, dass sie schwerstkrank ist, aber sie redet mit mir nicht darüber. Mit mir versucht sie, ein Stück jüngste Vergangenheit aufleben zu lassen, mit immer seltener werdenden Besuchen im Sprüngli oder im botanischen Garten.

Ihr Sterben hat sie minutiös geregelt - sie ist seit dem ersten Auftreten der Krankheit vor Jahren Mitglied bei Exit, rechnet aber nicht damit, sie in Anspruch zu nehmen - aber es beruhigt sie, die Möglichkeit zu haben, falls notwendig. Das alles weiss ich von der Tochter, nicht von ihr selbst - es geht mich auch nichts an.

Sie ist von einer Würde und Selbstbestimmtheit, die es mir verbietet, das Thema Sterben auch nur anzuschneiden. Und das ist auch gut so. Käme es dazu, würde ich mich in ihrem Fall ganz sicher auch für ein selbstbestimmtes Sterben einsetzen.

Bianca hat gesagt…

Liebe Carolina
Danke für den Einblick in diese traurige und doch auch Sinn gebende Erfahrung. Meine Gedanken dazu beziehen sich ausschliesslich auf den Tod nach schwerer Krankheit.
Enge Freunde haben vor wenigen Wochen tagelang am Sterbebett des krebskranken Vaters gesessen. Ihre Worte an ihn, er solle entscheiden, wann er gehen wolle, er solle nicht um ihretwillen festhalten am Leben, haben vielleicht bewirkt, dass er am darauf folgenden Morgen in ihrem Beisein gegangen ist, in den letzten Minuten seines Lebens lächelnd und so entspannt wie seit Wochen nicht mehr.
Lieben bedeutet auch, dem anderen die Freiheit zu lassen, zu bleiben oder zu gehen. Ich für mich hoffe, am Ende meines Lebens gehen zu dürfen mit dem Gefühl, dass meine Liebsten loslassen.
Das bedingt natürlich, dass auch die Ärzte den Wunsch des Sterbenden, sei er nun schriftlich oder nur mündlich geäussert, respektieren. Eine Patientenverfügung ist schön und gut, aber die Entscheidung, die ich in meinen letzten Wochen, Tagen, Stunden, vielleicht sogar Minuten meines Lebens treffe und mündlich zum Ausdruck bringe, muss Gültigkeit haben, denn keiner von uns weiss, was da abläuft, auch die Ärzte nicht. Wir alle, die wir leben, orientieren uns am Leben, nicht am Tod, bis zu unserem Ableben bleibt das Sterben pure Theorie. Eine Patientenverfügung wird doch häufig verfasst in Zeiten, in denen wir dem Leben (noch) näher sind als dem Sterben. Dem Sterben irreversibel und unmittelbar nahe eröffnen sich uns womöglich völlig neue Erkenntnisse, die unsere bis dahin getroffenen Entscheidungen nichtig werden lassen.

Meta hat gesagt…

Bianca: natürlich muss man sie aktualisieren. Wer eine macht, ist sich seines Standpunkts in der Regel so bewusst, dass er auch daran denkt, sofern ihn nicht die Demenz einholt. Und selbst dann braucht man sich nicht zu viele Sorgen zu machen: dass die Meinungen ändern können, ist noch dem technokratischsten Arzt klar.

Sorge habe ich allerdings, wenn ich den obenerwähnten Magdeburger Fall lese. Habe nachgeforscht: der Herr hiess Schönlein und wurde aus seinem Posten gemobbt. Die Staatsanwaltschaft hat zu spät gemerkt, jedoch später zugegeben, dass die Anklage von Beginn weg haltlos war. Da war er schon arbeitslos. Absolut haarsträubend, wie das gelaufen ist. Die deutsche Presse hat daraufhin Gesetzeslücken bei der Sterbehilfe geortet.

Meine persönliche Meinung bleibt, dass man das jedem einzelnen Patienten und jeder Ärztin seines Vertrauens überlassen sollte und so wenig regeln wie möglich. Und auch hinterher nicht zu sehr dreinpfuschen. Dennoch: was ist, wenn die Ärztin den langjährigen Lieblingspatienten z.B. beerbt und damit ein Interesse hat an seinem Ableben? Es menschelt überall, und schon deshalb gibt es keine sauberen Lösungen, auch nicht auf dem Papier.

Zum Glück ist die Schweizer Rechtssprechung weniger formalistisch als die deutsche. Ein deutscher Jurist erklärte mir mal, man erkenne schweizerische und deutsche Gesetzbücher quer über ein Zimmer: die Paragraphen der Schweizer Ausgabe seien halb so lang. Mir scheint, das ehrt uns. So hoffe ich, dass ähnliche Absurditäten hierzulande nicht eintreten werden.

In meiner (inländischen) Erfahrung ist es sehr wohl so, dass der mündlich geäusserte Wille des Patienten rechtsgültig ist. Sogar wenn eine anderslautende Patientenverfügung besteht. Auch ein Schweizer Arzt muss ihn allerdings in der Akte dokumentieren. In den USA lässt man sich alles unterschreiben, was der Patient noch unterschreiben kann. Bianca, möge das bei Dir noch viele Jahrzehnte nicht nötig werden!

Dignitas inzwischen auch nachgelesen. Helium, brrr. 6000 Franken, brrr. Ich weiss nicht.

Gute Nacht.

Orlando hat gesagt…

Bevor ich mich um diese Stories kümmere (danke für die Hinweise, Meta) sei hier einfach auf eines hingewiesen:

Der Fall Schiavo in den USA hat gezeigt, dass nichts in Stein gemeisselt ist. Es gibt in modernen westlichen Gesellschaften einen gewissen Grundbestand an Werten der unverhandelbar ist, resp. wo sich Befürworter und Gegner gegenüberstehen, ohne dass ein Kompromiss möglich wäre. Abtreibung, Sterbehilfe, Todesstrafe - typischerweise alle Fragen, die mit Tod und Gewalt zu tun haben, sind Dauerbrenner und jede Generation muss sich neu dazu positionieren. Weil die Glaubens- und Wertesysteme sich wandeln. Roe vs Wade ist auf keine Steintafel gemeisselt, eines Tages wird es fallen.

Von wem wurde in einem der letzten Posts gerade die Gegenseite als "Fundis" beschimpft?
Sorry, I didn't started it this time!

Wenn sie dann den Diskurs ums Sterben führen wollen mit immer neuen Nazi- und Fundi- und Mörder-Vorwürfen, dann bitte. Dann müssen sie sich nicht wundern wenn es dreckig wird.

Mila, an jenen von ihnen verächtlich als "namenlosen" bezeichneten Gott glaubt eine satte Mehrheit der Menschen, und gerade in der Stunde des Todes dürfte dieser Glaube eine nicht unwesentliche Rolle spielen.

Es besteht ein Unterschied darin, ob man aktive, passive Sterbehilfe und Suizidbeihilfe mühsam auseinanderdefiniert, oder ob man den Diskurs scheut und lapidar feststellt, dass alles im Ermessen der Betroffenen liegt und allein die Tatsache, DASS etwas vorkommt schon eine Legitimation darstellt. Nein! Das ist akzidentelle Ethik, die wenig Bestand hat, weil es immer zu Konflikten kommen wird.

In gewissen Fragen gibt es eben nur ein Ja oder ein Nein. Und nicht 7 Millionen Grautöne dazwischen.

Am Schluss wird ein klares Gesetz stehen und das ist gut so.

p.s.: es freut mich im Übrigen, dass die Diskussion einen intellektuellen Level erreicht hat, wo diese Trantüte namens äh-öh-Gabi nicht mehr mithalten kann.

Meta hat gesagt…

O, Terri Schiavo war das, genau. Sie soll gemäss ihrem Ehemann wiederholt gesagt haben, dass sie im Fall einer unheilbaren Krankheit nicht am Leben erhalten werden wolle. Aber was wissen wir schon.

Hingegen sind aktive und passive Sterbehilfe, Du chronisch-rezidivierender Simplifizierer, sehr wohl zwei Paar Schuhe. Siehe dazu nochmals meinen Link von gestern nacht, http://psycnet.apa.org/index.cfm?fa=buy.optionToBuy&id=2007-14139-001 - Abstract:

Euthanasia and related practices worldwide.
By Kelleher, Michael J.;Chambers, Derek;Corcoran, Paul;Keeley, Helen S.;Williamson, Eileen
Crisis: The Journal of Crisis Intervention and Suicide Prevention, Vol 19(3), 1998, 109-115.
Abstract
The present paper examines the occurrence of matters relating to the ending of life, including active euthanasia, which is, technically speaking, illegal worldwide. Interest in this most controversial area is drawn from many varied sources, from legal and medical practitioners to religious and moral ethicists. In some countries, public interest has been mobilized into organizations that attempt to influence legislation relating to euthanasia. Despite the obvious international importance of euthanasia, very little is known about the extent of its practice, whether passive or active, voluntary or involuntary. This examination is based on questionnaires completed by 49 national representatives of the International Association for Suicide Prevention (IASP), dealing with legal and religious aspects of euthanasia and physician-assisted suicide, as well as suicide. A dichotomy between the law and medical practices relating to the end of life was uncovered by the results of the survey. In 12 of the 49 countries active euthanasia is said to occur while a general acceptance of passive euthanasia was reported to be widespread. Clearly, definition is crucial in making the distinction between active and passive euthanasia; otherwise, the entire concept may become distorted, and legal acceptance may become more widespread with the effect of broadening the category of individuals to whom euthanasia becomes an available option. The "slippery slope" argument is briefly considered. (PsycINFO Database Record (c) 2010 APA, all rights reserved)

Das war 1998. Also noch im Jahrzehnt, wo ich den Tod hierzulande als tabuisiert kennengelernt habe. Seither hat sich das eine oder andere verändert. Zum Guten, finde ich.

Du bist doch sonst finanzkonservativ, wie ich meist auch. Um doch noch ein Argument für Deinesgleichen zu bringen: ein Tag Intensivstation kostet etwa zehntausend Franken. Die Lebensverlängerung durch Maschinen ist auch abseits einer IPS nicht gratis zu haben. Die Pflege eines Komapatienten ist aufwendig.

Das klare Gesetz wird, wenn, dann nicht dieselbe Antwort auf die passive Sterbehilfe haben wie auf die aktive. Die passive wird es erlauben. Alles andere ist nicht konsensfähig. Auf die Stellungnahme zu den aktiveren Teilen bleibe ich gespannt. Hier halte ich es für bedrohlich, zu viel zu erlauben. Der kranke Mensch soll sich nicht zum Tod gedrängt fühlen. Wobei das bei den Spartanern und anderen archaischen Völkern so gewesen sein soll... weiss jemand mehr?

Meta hat gesagt…

... mehrheitsfähig, sollte das heissen, nicht konsensfähig; einen Konsens dazu wird es nie geben, wegen der Fundis :-) (sic, O!).

Meta hat gesagt…

Und die Mehrheitsfähigkeit der passiven Sterbehilfe wird sich mit keinem Wertesystem der Welt wandeln, O. Einfach weil es zu teuer würde. Hast Du eine Ahnung, wieviel Leute nicht mehr ansprechbar in unseren Pflegeheimen dahinvegetieren? Besuchst Du Sterbende? Ich hätte schon mal einen Totenschein unterschreiben sollen für eine alte Frau, die noch lebte... Und habe Dich sehr stark im Verdacht, ein hundertprozentiger Schreibtischtäter zu sein. Wer sich aktiv mit dem Thema befasst wie Carolina, sieht das sehr bald nicht mehr so pauschal. Nein, ich bin bitteschön nicht dafür, die Vegetierenden alle abzumurksen. Aber ebensowenig bin ich dafür, ihnen eine Infusion zu stecken, wenn sie nicht mehr selber trinken können. (Das wurde zu meinen Anfängerzeiten manchmal über Jahre praktiziert. Brr.)

mila hat gesagt…

"In gewissen Fragen gibt es eben nur ein Ja oder ein Nein. Und nicht 7 Millionen Grautöne dazwischen."

Das denken Sie, Orlando. Und am Ende sind es auch Sie, der den Diskurs scheut, weil es für ihn ohnehin nur einen Willen geben kann: den göttlichen. Ohne diese Basis fusst Ihre erbarmungslos-unerbittliche Argumentation übrigens auf einer gähnenden Leere. Dass sie ins Inhumane driftet, weil sie das Situativ-Menschliche nicht sieht (nicht kennt?), scheint Ihnen zudem herzlich egal zu sein.

Daraus kann ich nur denselben Schluss wie Meta ziehen: ihre Kaltschnäuzigkeit dürfte aus fehlender Praxiserfahrung resultieren. Ihnen ist wohl noch niemand über Jahre hinweg unter den Fingern weggestorben. In ihrer Familie stand man noch nie vor der Entscheidung, die Geräte eines Menschen in der Mitte seines Lebens nach einer fehlgeschlagenen Hirntumoroperation, die die letzte Hoffnung war, abzuschalten. Sie werden den Tod anders erleben, wenn sie auf solche Weise direkt mit ihm konfrontiert waren.

Orlando hat gesagt…

Nein, nicht ich bin der Simplifizierer, Meta. Enis Aussage bringt es auf den Punkt: "Ein Mensch hat sich entschieden zu sterben (...) und diesem Wunsch ist zu entsprechen. Punkt."

Und die Begründung?
Wie und woher leitet sich ab, dass dem "zu entsprechen" sei (was eine Mitwirkung Dritter ja schon mitmeint)?
Aufgrund welcher ethischer Prinzipien soll dieses apodiktische "Punkt" Geltung haben?

Ich habe dazu noch ein einziges vernünftiges Argument gehört hier.

Mich, Zysi und andere beunruhigt, dass man solche ethischen Fragen einfach nach einer akzidentellen Gebrauchsethik, irgendwo im ungefähren Niemandsland angesiedelt, entscheidet und danach handelt. Ich weiss, dass das für sie sexy tönt, mila - postmodern, gell.

Oder besser gesagt: Handeln lässt. Passive Sterbehilfe, als eine Unterlassung von lebenserhaltenden Massnahmen, setzt die Mitwirkung Dritter voraus (die Unterlassenden). Es handelt sich um absichtliche Beendigung eines Menschenlebens. Da lege ich mich einfach quer, sorry!

Hmh, erbarmungslos und unerbittlich ist es, wie ich mich gegen die Beendigung von Menschenleben einsetze. Wie verwerflich., tztztz.

Mila, ich habe Gott nicht ein einziges Mal erwähnt. Legen sie mir ihn also nicht in den Mund, bitte.

Dann noch dies: Muss ich selber Verwandte bei einem Raserunfall verloren haben um schärfere Regeln zu fordern? Muss ich jemanden in der Todeszelle besucht haben um mir eine Meinung zur Todesstrafe zu bilden? Muss ich selber vegewaltigt worden sein, um sexuellen Missbrauch strafwürdig zu finden?

Nein.

mila hat gesagt…

Orlando, Sie sprechen das Wort Gott nicht aus, doch ist es in Ihrer Rhetorik allgegenwärtig (bedenklich ist dabei eigentlich nur, dass Sie selbst es nicht merken).

Und wie gesagt: in der ethisch fragwürdigen Denk-Sperrzone befinden Sie sich, wir anderen scheinen hingegen sehr genau zu wissen, wo wir uns befinden (sicher nicht im Niemandsland, sondern in einem graduell abgesteckten Entscheidungsbereich). Dazu gleich eine weitere Geschichte; mir scheint, man könne der Problematik, will man ihr irgendwie gerecht werden, nur situativ-erzählend beikommen.

Orlando hat gesagt…

Aha, "Denk-Sperrzone": Also ich sammle mal den "Fundi" und dann ihr "sie denken nicht richtig" ein und stecke es in mein Diffamierungs-Rucksäckli.

Ich argumentiere halt streng logisch und legalistisch. Und was angeblich "mitschwingt" in meiner Argumentation...nun, in the eye of the beholder, ganz offensichtlich.

"Graduell abgesteckter Entscheidungsbereich" - gehts noch schwammiger?

Floskeln wo Argumente kommen sollten. Ja, erschliessen sie das Thema lieber narrativ.

mila hat gesagt…

Totenwache

Wochenlang hatte mein Onkel die Schwindelanfälle still ertragen, bis seine zunehmende Desorientiertheit schliesslich auch anderen auffiel. Als er sich auf deren Drängen hin an einen Arzt wandte, war es jedoch zu spät: der primäre Tumor in seinem Kopf war bereits auf eine stattliche Grösse angewachsen. Die Prognose für diese Art der sehr bösartigen, galoppierend fortschreitenden Tumorerkrankung des zentralen Nervensystems ist schlecht, damals wie heute; man wusste schon vor der Operation, dass sie im Grunde ohne Aussicht auf Erfolg war. Dennoch entschied sich der Onkel für den Operationstod; an einer Verlängerung seines Zustands war ihm nicht gelegen.

Vor dem chirurgischen Eingriff kamen sie alle zusammen: die Eltern, der einzige Bruder, dessen seit längerem entfremdete Frau, die ebenfalls seit längerem entfremdete Frau des Onkels, weitere nahe Angehörige. Man sass entgegen aller berechtigten Hoffnung bangend im Wartezimmer und wartete auf das Wunder, das notwendig ausbleiben musste. Als der behandelnde Arzt endlich den Operationssaal verliess, konnte er nur noch die Nachricht vom Hirntod überbringen. Und fragen, ob und vor allem wann man die Geräte abstellen wolle.

An diesem Abend schob man die Entscheidung nach langer Diskussion auf, ein jeder ging daraufhin seines Wegs. Die Eltern kehrten aufs Dorf zurück, der Bruder suchte seine Geliebte auf, die Frau des Bruders übernachtete bei einer An-Verwandten in der Stadt, und die Frau des Onkels verbarrikadierte sich mit ihrem Geliebten im Büro, wo die Arbeiter sie am nächsten Morgen vorfanden (den kleinen Sohn hatte sie vorsorglich bei ihren Eltern zwischenplatziert). Sie alle hielten Totenwache für einen noch organisch Lebenden, ein jeder auf seine Art.

Früh am nächsten Morgen, während die anderen noch schliefen, suchte mein Vater das Krankenhaus auf und hiess die Ärzte, dem organischen Leben ein Ende zu setzen. Er nahm die am Abend zuvor ausgebliebene Entscheidung - aus Rücksicht auf die anderen, wie er meinte - allein auf sich. Dass er ihnen damit zugleich die Möglichkeit eines endgültigen Abschieds nahm, war ihm nicht klar; solche zwischenmenschlichen Zusammenhänge erschliessen sich ihm bis heute nicht. Und weil der Onkel im Krankenhaus gestorben war, wurde er auch nicht mehr zuhause aufgebahrt, wie das in den ländlichen Gegenden seiner Heimat bis heute üblich ist.

Die entfremdete Frau des Onkels erlaubte auch nicht, dass man den Sarg vor der Bestattung noch einmal öffnete; sie könne den durch die Operation entstellten Anblick des Ehemannes nicht ertragen, sagte sie. Den Eltern, der entfremdeten Frau des Bruders wurde damit gleich zweifach die ordnungsgemässe Totenwache für einen Toten verwehrt.

mila hat gesagt…

Streng logisch (wobei ich das ja in Ihrem Fall dezidiert in Frage stellen würde) und legalistisch ist eben in dem einen oder anderen Fall gleichbedeutend mit unmenschlich, Orlando. Nach ihrer strengen Logik müssten die Hirntoten organisch bis zum bitteren Ende dahinsiechen, nicht wahr? Weil, eben: deus lo vult. Er wird sie schon zur rechten Zeit in sein ewig währendes Reich beordern.

mila hat gesagt…

...und zum graduell abgesteckten Entscheidungsrahmen - passive Sterbehilfe, aktive Sterbehilfe, Beihilfe zum Suizid - erübrigen sich nach Metas Erörterung im Grunde jede weiteren Definitionsversuche. Die Frage ist lediglich, was davon man ethisch/rechtlich für zulässig befindet, und in welchen Situationen.

Tatsächlich hat es für mich den zweifelhaften Anruch des Fundamentalistischen, wenn man dies alles untschiedslos in einen Topf wirft.

Carolina hat gesagt…

Sie argumentieren 'streng logisch und legalistisch', O? Gerade das ist das Problem. Es wird sich nie ein allgemeingültiges Argument für die unterschiedliches Formen der Sterbehilfe finden lassen, ditto dagegen. Ihr schönes Wort von 'akzidenteller Gebrauchsethik' wäre, wenn nicht ironisch gemeint, durchaus anwendbar. Es ist der grösste Vorteil des Schweizer Systems, dass es Rahmenbedingungen gibt, aber die Ausgestaltung eher im vagen bzw privaten belassen werden (ja, hier ist Missbrauch möglich, wie immer im Leben). Einen Einfluss auf sein eigenes Sterben zu haben, gelingt nur in Systemen, in denen es eine Art Grundvertrauen in den Bürger gibt (das zieht sich durch unser System wie ein roter Faden und ist, ich sage es nochmal, anderen Systemen weit überlegen). In den Spitälern in England ist das schon in Kraft, was Sie vorschlagen: eine scharfe legislative Abgrenzung zwischen den unterschiedlichen Sterbearten. Meine Brüder würden niemandem mehr die Aparate abstellen, egal, wie gewünscht und herbeigesehnt und schriftlich dokumentiert. Sie beklagen diese Situation sehr, denn 'common sense', Mitgefühl und auch die Auseinandersetzung mit dem Sterben ist sozusagen ausgesourced worden - das dürfen die Hospize erledigen. Mal ganz davon abgesehen, dass ich diese Situation für unmenschlich halte, scheint das Bedürfnis der Patienten doch so gross zu sein, dass Sterbehilfe heimlich, in einer Grauzone und unter unwürdigen Umständen stattfindet. Das ziehen Sie unserem System vor?

Und nein, Sie müssen nicht mit Sterben und Tod konfrontiert gewesen sein, um sich eine Meinung zu bilden. Aber aus Ihren Worten spricht eine dogmatische Mitleidslosigkeit; dieses Thema bewegt sich jenseits legalistischer Argumente. Der Gesetzgeber hat die Rahmenbedingungen, in der Schweiz in weiser Form, vorgegeben - mit Empathie füllen müssen Sie sie selber.

Carolina hat gesagt…

Bianca, Sie haben Recht. Ich habe nach schwerer Krankheit für mich Entscheidungen getroffen, die sicherlich für andere nicht gelten. Das respektiere ich auch bei den Menschen, die ich besuche, alles andere wäre ja lächerlich. (Verwandte erzählen, dass es in Gegenden Bayerns heute noch üblich ist, dass eine Frau, unaufgefordert, die Schwerstkranken und Sterbenden besucht in den jeweiligen Dörfern. Sie hat den Namen 'Todesengel' und gibt den Sterbenden sozusagen den Rest und die absolute Gewissheit, dass sie dem Tod nahe sein müssen.) Davon rede ich hier selbstverständlich nicht. Niemand übrigens redet davon. Es haben alle hier Teilnehmenden immer wieder betont, dass die Entscheidung allein beim Sterbenden liegen muss. In Zweifelsfällen wird nichts gemacht.

Es gibt auch noch eine andere Seite der Dinge: ich trage Organspendeausweise für drei Länder mit mir und die ausdrückliche Anweisung, dass ich nicht wiederbelebt werden möchte, wenn ich zusammenbreche (DNR-do not resuscitate). Heute hängen in jedem Supermarkt und jeder Bahnhofstrasse Defis - wer garantiert mir, dass sich nicht jemand auf mich stürzt und an mir herumpumpt? Niemand - und genau das ist das Leben. Wir werden nie die Unwägbarkeiten, die Sterben und Tod mit sich bringen, ganz aus dem Wege räumen können (gut so!). Wir können uns mit unserem Sterben theoretisch befassen, aber die Zweifel und Aengste, die damit zusammenhängen, werden immer da sein und jeder einzelne wird sich dem stellen müssen. Jede Form des Sich-Stellens verdient Respekt.

mila hat gesagt…

Carolina, Sie haben völlig recht. Das menschliche Leben verläuft in aller Regel abseits der Bahnen einer strengen (kalten) Logik - weshalb sollte es beim Sterben anders sein?

Anders formuliert: der Mensch wäre nicht Mensch, wenn er ein ausschliesslich logisch konzipiertes Wesen wäre.

Orlando hat gesagt…

Ja was? Ausgerechnet in der erzkatholischen, streng gläubigen, seit Jahrhunderten antiliberalen Diktatur Grossbritannien? Ja, das gibt zu denken. Sie sehen, es gibt offenbar andere Meinungen und ich bitte sie das zu respektieren.

Mila sagt es: "Die Frage ist lediglich, was davon man ethisch/rechtlich für zulässig befindet, und in welchen Situationen."

Und genau dazu existieren unterschiedliche Auffassungen. man ist deswegen noch lange kein "Fundi".

Gradueller Entscheidungsrahmen: Ich bin erst bereit, über passive Sterbehilfe zu sprechen, wenn sie alle hier ein deutliches Wort gegen Suizidbeihilfe und aktive Sterbehilfe gesprochen haben. Vorher nicht.

Ihre Argumentation, Carolina, erinnert mich doch stark an die Argumente der Befürworter unserer Heroinabgabe-"Politik". Es hat etwas sektiererisches, wir haben den Weg der Erleuchtung gefunden, und die anderen Länder (die natürlich ohne "nachzudenken" - gell, mila - und vom Vatikan ferngesteuert) sind menschenverachtend und dunkelstes Mittelalter.

Sie werfen mir Mitleidlosigkeit vor, Carolina? Ja, kann man denn aus Mitleid ein Leben beenden? In welche Position setzt man sich da? Schlagen sie vor, Menschen einzuschläfern, wie Katzi und Hundi?

@mila: was soll ich jetzt für einen graduellen Entscheidbereich definieren in Bezug auf ihre (sehr eindrücklichen) Geschichten? Bei der Grossmutter - eher ja zur Sterbehilfe, beim Onkel - eher nein?? Ihre Mutter hätte richtig gehandelt, ihr Vater hat aber falsch gehandelt...?

Carolina hat gesagt…

Orlando, Ihre Hin- und Herlaviererei ist natürlich nur Provokation, stimmt's? Es ist Ihnen mal wieder zu langweilig! Sie stellen die falschen Fragen! Die Antworten auf Ihre falschen Fragen:
Man kann aus Mitleid (lieber ist mir: Mitgefühl) einem Mitmenschen die Verantwortung dafür überlassen, zu gehen. Und Mitleidslosigkeit ist es in meinem Verständnis, und von Ihnen oft genug hier dargelegt, Sterben und Tod in ein legales Gerüst zwingen zu wollen, das die Freiheit und Selbstbestimmung, über seinen eigenen Tod entscheiden zu dürfen, beschneidet.

Ihr Kommentar über England ist, mit Verlaub gesagt, dümmlich.

Wir reden die ganze Zeit über passive Sterbehilfe, Orlando - bzw in meinem Fall über Sterbebegleitung! Ueber was haben Sie denn in Ihren x Posts gesprochen? Haben Sie gelesen, was hier gesagt wurde? Oder ist es ein Zeichen Ihrer mangelnden Argumente, dass Sie plötzlich die aktive-Sterbehilfe-Keule herausziehen?

Carolina hat gesagt…

Uebrigens, Orlando: Milas eindrückliche Geschichten spielen sich zu jeder Zeit, in jeder Familie, in jeweils anderer Form überall ab - uns Sie wollen diese tatsächlich in ein legalistisches Gerüst packen? Warum? Sie sehen ja eindrücklich, dass jedes Sterben/jeder Tod den Angehörigen die Trauer, das Hadern und die Verzweiflung keineswegs erspart. Das bleibt!

mila hat gesagt…

Orlando, die Krux an all diesen Geschichten ist ja, dass sie nicht an einem einheitlichen Massstab gemessen werden können: sie geben sie schlicht nicht her, die einfache Einteilung in ein logisch nachvollziehbares 'richtig' oder 'falsch'. Vielmehr zeigen sie - und nur darum ging es mir - eine breite Palette von individuellen Entscheidungen der einzelnen Beteiligten auf, mit deren Konsequenzen die einen leben und die anderen sterben müssen (respektive mussten).

Und auch in diesem Punkt hat Carolina sehr recht: diese Geschichten sind weder von ihrer Tragweite noch von ihrer Dramaturgie her aussergewöhnlich. Dennoch bildet eine jede von ihnen ein kleines, menschliches Drama für sich.

Orlando hat gesagt…

Aha, ich stelle "die falschen Fragen" - gut, kommt ins Rucksäckli.

Muss ich denn wirklich noch einmal darauf aufmerksam machen, dass es nicht Entscheidungsfreiheit und Selbstbestimmung war im (ganz) oben beschriebenen Fall. Dass es dazu der Mitwirkung Dritter bedurfte.

Eine Unterlassungshandlung ist eben...eine Handlung!

Und für diese Handlung interessiere ich mich.

Es sind Ärtze, Angehörige und Sterbebegleiter BETEILIGT. Es ist nicht so, dass sie alle mit gutem Gewissen einfach zusehen dabei, wie einer "geht". Sie nehmen Handlungen vor, damit es schneller geht.

Und damit habe ich Mühe. Ja, ich gebe es zu, prinzipiell.

Gehen sie mit mir einig, dass aktive Sterbehilfe und Suizidbeihilfe sanktionierungswürdige Straftaten darstellen?
Dann wäre schon viel gewonnen. Solange das nicht klar festgehalten wird, vermute ich, dass die klare Abgrenzung eben doch nicht so gern vorgenommen wird und the arbitrary ethics at display here selbst dort noch rechtfertigend und entschuldigend wirken will, wenn einer einem todkranken Freund auf dessen Verlangen hin eine Kugel durch den Kopf jagt. "Er hatte ja nur Mitleid, ein edler Mörder!"

Patientenverfügungen - ja das ist mein schwacher Punkt. Dann steht einem Abstellen von Maschinen oder einem Absetzen von Medikamenten oder dem Verdursten durch Nichttränkung nichts mehr im Wege.

Aber seien wir ehrlich: Wer von ihnen unterschreibt so einen Zettel? Tun sie das, mila? Sie, Meta?

Ich persönlich habe ehrlich gesagt wenig Verständnis für die DNR-Regelung von Asrid. Mir fehlt vielleicht auch Hintergrundwissen zu ihrer Person, das ist möglich. Ich frage mich in aller Zurückhaltung, wie man mit sowenig "Lebenswillen" herumlaufen kann. Bitte nicht gleich losschreien, ich meine es nicht böse oder verächtlich. Ich bin nur neugerig.

mila hat gesagt…

Meine Güte, Orlando! Ich bin fit wie ein Turnschuh und habe noch nicht einmal die Hälfte meiner statistisch anzunehmenden Lebenszeit erreicht - weshalb also sollte ich jetzt schon eine Patientenverfügung unterschreiben?

Unter veränderten Umständen dürfte das jedoch ein Thema werden. Bis dahin gebe ich mich mit dem Wissen zufrieden, dass da mindestens ein Mensch ist, der weiss, in welchem Fall die Geräte abzuschalten wären. Von den anderen würde ich mir erhoffen, dass sie diese Entscheidung aus Liebe zu mir akzeptieren.

Orlando hat gesagt…

Ja, aber das ist wieder, was mich stört: wenns ich dann alt und krank bin mache ich mir Gedanken dazu.

Nein, wer sich hier vollmundig dafür einsetzt, dass das Sterben nach individuell massgeschneiderter Art und Weise zu geschehen habe, dass der Zeitpunkt hochtrabend ein Menschenrecht des selbstbestimmten Individuums sei, der sollte sich vielleicht eine Liste anfertigen, wo er (tabellarisch zum Beispiel) die möglichen Krankheitsarten und Situationen durchspielen soll, in denen er durch Dritte die Geräte abstellen lassen will.

Das wäre dann nur fair, wenn jemand sein Sterben beschleunigen will, dann soll er das in einer eidesstattlichen Erklärung darlegen. Vielleict wird ihm dann bewusst, wie absurd es im Grunde ist, den eigenen Tod zu "verfügen".

Das war ja das Problem bei Terri Schiavo. Sie lag im Wachkoma und ihre Eltern wollten sie (aus Liebe, mila, bestimmt nicht, weil sie sie quälen wollten) behalten, weil sie glaubten, dass es noch eine Heilchance gibt und dem Ehemann, der erklärte, sie habe früher angeblich gesagt man solle in so einem Fall die Maschinen abstellen.

Am Schluss haben - die Gerichte entschieden. "richtig" oder "falsch" haben die gerichte entschieden, Mila. Und das Leben der Terri Schiavo beendet, indem sie die Maschinen abstellen liessen.

mila hat gesagt…

Würde ich in Amerika leben, ich würde mir womöglich schleunigst eine Patientenverfügung erstellen lassen. Aber ich lebe hier und vertraue auf das halbwegs gesunde Augenmass des Systems. Noch.

Wo Liebe endet und Selbstsucht beginnt ist schliesslich ein weiteres, bodenloses Fass, das ich hier nicht auch noch auftun möchte (für mich persönlich stellt sich diese Frage auch nicht). Und damit wünsche einen schönen Nachmittag.

Orlando hat gesagt…

Das heisst die Eltern von Terri Schiavo haben ihre Tochter, die Phasen von Gefühlsregungen hatte und Reaktionen zeigte und und die ihr liebes Mädchen war das durch einen Unfall in einen tiefen Schlaf fiel, dass diese Eltern sie aus Selbstsucht am Leben erhalten wollten.

Das Leben einteilen in wertes und unwertes, gelebt zu werden? Aus Mitleid jemandes Leben beenden, den man liebt, und der leider nie mehr ein normales Mitglied der menschlichen Gesellschaft mehr sein wird?

Slippery slopes, mila!

Laura TI hat gesagt…

Orlando, zumindest die Gefahr besteht, alles ist besser als das eigene Kind tot zu sehen. Ich hätte wohl auch, wenn ich denn die Möglichkeit dazu gehabt hätte, das dahin vegetierende Kind dem toten Kind vorgezogen, aber ob ich dem Kind damit einen Gefallen getan hätte? Ob ich mir und der Familie damit einen Gefallen getan hätte?

Carolina hat gesagt…

Das ist genau der richtige Ausdruck, O. Wir waren auf dieser 'slippery slope', als wir monatelang praktisch im neonatal department lebten, unser Baby, an Apparate angeschlossen, künstlich ernährt und künstlich beatmet wurde. Es war die schwerste Entscheidung unseres Lebens, denn wir hätten sie liebend gern auch schwerstbehindert mit nach Hause genommen, nur lebend. Wir sind im wahrsten Sinne des Wortes durch die Hölle gegangen, bis wir uns zu der Entscheidung durchgerungen haben, die Apparate abschalten zu lassen. Es wurde uns (ganz persönlich) klar, dass die grosse Gefahr bestand, dass wir eigennützig und nur auf unseren Schmerz bedacht ihr Leiden verlängerten und sie nicht für diese Welt gemacht war. Das schlimmste, was man uns damals an den Kopf warf (von seiten eines Onkels, der nur schon den Gedanken als verwerflich empfand) war, das wir Gott spielten. Dieses Zweifeln und Hadern und diese schreckliche Angst, dass wir uns wirklich eine Entscheidung anmassten, die uns nicht zustand, mussten wir aushalten lernen. Ich habe seitdem viele andere Fälle gesehen, wo es anders ausging, aber ich habe mir damals geschworen, nie wieder Menschen zu richten oder zu beurteilen, die solche Entscheidungen zu treffen haben, sondern ihnen a priori Wohlwollen zu unterstellen. In den (wenigen) Fällen, wo ich eine zu laxe und oberflächliche Auseinandersetzung vermutete, habe ich mich jeweils für den Sterbenden engagiert.

Und das ist genau Leben, Orlando, und deshalb bin ich wahrscheinlich 'lebenswilliger' als Sie: es bedeutet, keine Kategorien von 'richtig und 'falsch' mehr zu haben, immer wieder an eigene Grenzen zu stossen, Erfahrungen zu machen, die man sich und anderen am liebsten ersparen würde - sich trotzdem in dieses Leben hineinzustürzen und zu lernen, den Tod nicht zu fürchten, sondern als Verbündeten zu sehen.
Das mag schrecklich schwülstig klingen, aber es macht das Leben so lebenswert wie nichts anderes.

Carolina hat gesagt…

PS: Orlando, schreie ich Sie manchmal an? Aber nein - ich würde mir seit dem Auftritt von unserem Oberbefehlshabenden kein caps lock mehr erlauben....

mila hat gesagt…

"Terri Schiavo litt an Bulimie. Als Folge dieser Essstörung kam es am 25. Februar 1990 zu einem Kaliummangel, der einen vorübergehenden Herzstillstand verursachte. Durch die dabei aufgetretene Unterversorgung mit Sauerstoff wurde ihr Gehirn schwer geschädigt und sie fiel in ein Wachkoma (Apallisches Syndrom).

Nach Ansicht der behandelnden Ärzte wäre es nicht mehr möglich gewesen, Terri Schiavo aus diesem Koma wieder aufzuwecken, da das Gehirn zu großen Schaden erlitten hatte. Der Cortex cerebri (die Großhirnrinde) sei fast vollständig atrophiert (verschwunden). Dies konnte bei der Autopsie nach ihrem Tode bestätigt werden. Somit wäre sie bei einer Durchsetzung der Wiederaufnahme lebenserhaltender Maßnahmen weiterhin als Komapatientin ans Krankenbett gefesselt geblieben. Die von ihren Eltern vertretene Ansicht, eine Heilung oder auch nur signifikante Besserung sei möglich, wurde nur von wenigen Fachleuten geteilt.

Bewegungen Schiavos, die von ihren Eltern als Anzeichen von Bewusstsein gedeutet wurden, erklärten ihre Ärzte als vegetative Reflexe, die kein Indiz für verbliebenes Bewusstsein seien.
Einige deutsche Ärzte, die von den Medien befragt wurden, waren aber der Ansicht, dass sie in keinem reinen Wachkoma war, sondern in einem Status minimaler Bewusstseinsaktivität.

(...)Schiavos Leichnam wurde nach übereinstimmendem Willen ihres Ehemanns und ihrer Eltern obduziert, um das Ausmaß ihrer Hirnschädigung zweifelsfrei zu klären. Es wurde dabei festgestellt, dass sie so schwer hirngeschädigt war, dass keine Behandlung eine Verbesserung ihres Zustandes hätte bewirken können. Nach Angaben des Gerichtsmediziners Jon Thogmartin wog das Gehirn der Frau nur rund die Hälfte eines normalen menschlichen Gehirns. Terri Schiavo sei blind und auch sonst nicht in der Lage gewesen, ihre Umwelt wahrzunehmen."

Quelle: Wikipedia

Orlando, Terri Schiavos Eltern hielten ihre Tochter über 15 Jahre (!) in diesem unsäglichen Zustand. Das hat mit wertem und unwertem Leben gerade mal nichts zu tun. Im Übrigen wurde ihr kollektives Leid(en) nur durch moderne Medizin möglich - ohne lebenserhaltende Massnahmen wäre Terri kurz nach ihrem Zusammenbruch eines natürlichen Todes gestorben.

Wer also, bitte schön, spielte in dieser Situation Gott?

Carolina hat gesagt…

Nochmal PS, sorry: ich qualifiziere das 'keine Kategorien von 'richtig' und 'falsch' zu haben': ich meinte damit, dass es keine weltlichen/gesetzlichen Regelungen gibt, an die man sich einfach hält und dann löst sich das Problem von selbst......

Und O: Ich nehme den Satz 'wahrscheinlich lebenswilliger' auch zurück! Warum sollte ich Ihnen etwas unterstellen wollen, was, wenn Sie das bei mir machen, mich nervt?

mila hat gesagt…

...and yep: a slippery slope it is. Then again: it seems like that's the only way to stay human after all.

Tiger hat gesagt…

O, T. Schiavo war ja eigentlich schon tot. Was noch lebte bei ihr, war ein ganz primitiver Mechanismus im Körper. Alles, was uns zum Menschen macht, war lange tot. Also hat man sie eigentlich nicht getötet.

mila hat gesagt…

Herr Oettli, Marlen Haushofer schrieb einmal: "Der Tod ist nichts, was man fürchten muss, nur die Schmerzen entwürdigen die Menschen." Ich denke, es kommt dem nahe, was sie versucht haben auszudrücken.

Carolina, auch für Sie hätte Haushofer ein passendes Wort gehabt: "Erst die Vergänglichkeit macht die Dinge kostbar." Es tut mir sehr Leid, von Ihrem Verlust zu lesen.

Und Orlando, Sie sollten über ein Zitat von Jean-Paul Sartre aus "Die Fliegen" nachdenken: "Es sind ihre Toten, nicht die meinen." (respektive darüber, was diese Aussage impliziert).

Dazu ein Lied meines Säulenheiligen:

http://www.youtube.com/watch?v=fCToUgZm9KU

(Eine halbwegs brauchbare Übersetzung findet sich hier:

http://www.allthelyrics.com/forum/serbian-croatian-bosnian/55083-balasevic-mrtvi.html

Der letzte, nicht übersetzte Satz:

Gibt es dafür keinen besseren Ort als die Dunkelheit.)

Carolina hat gesagt…

Mila, es ist mir sehr bewusst, dass das Einbringen unserer Geschichte immer mit einem unangenehmen Geschmack nach moralischer Erpressung (ein anderer Ausdruck fällt mir nicht ein) verbunden ist. Das möchte ich wirklich vermeiden, denn unser Weg war ein ganz privater, persönlicher. Ich kenne viele Menschen, die es anders gemacht haben. Nur: Schmerz ist nicht verhandelbar, es trifft jeden, wann auch immer, in welcher Form auch immer. Die Konsequenzen, die wir daraus gezogen haben, sind auch ganz private, persönliche, die keinesfalls Allgemeingültigkeit haben. Ich kann sehr wohl auch sehen, dass es einen Orlando braucht, dass seine Ansichten Gültigkeit haben und dass eine Ueberprüfbarkeit angestrebt werden muss - allerdings mit der raumgebenden Weisheit, die im Schweizer System vorherrscht.

Meta hat gesagt…

Patientenverfügungen braucht es, sobald man nicht alles machen lassen will. Momentan liegt mir daran nichts. Ich bin kerngesund und habe ein kleines Kind, d.h. ich will, ja muss am Leben bleiben. Aber meine Mutter hat eine. Und wenn ich Zweifel daran bekomme, dass ich noch reanimationswürdig bin, werde ich mir ganz sicher auch eine zulegen. Das hat nichts damit zu tun, dass man es sich erst später überlegen will. Es gibt eine default option, und die heisst: es wird alles gemacht. Formulieren muss man nur, was davon abweicht. - Bis dahin weiss meine ganze Familie, dass ich als Gemüse nicht weiter"leben" möchte. In der Schweiz genügt das! Die Orlandos dieser Welt werden daran nichts ändern, mindestens innerhalb der nächsten Generation, da ginge ich hohe Wetten ein.

Ein Problem ist die Definition des Todes. Viele Laien, besonders gläubige Laien, glauben immer noch, hirntot sei nicht tot. Alle Evidenz, die wir haben, spricht dagegen. Dennoch ist es natürlich so: wir werden unser eigenes Gehirn nie ganz verstehen, weil wir es mit unserem eigenen Gehirn verstehen müssten. (Liege ich falsch, wenn ich meine, da gelte der Gödelsche Unvollständigkeitssatz?) Ich meine, hirntot ist tot, und für mich selber möchte ich die Konsequenzen daraus ziehen.

That said: Gelungene Reanimationen können ein grosser Segen sein. Ein Verwandter hat mal einen Tenniskollegen reanimiert. Sie haben noch jahrelang Bälle gewechselt.

Alles andere ein andermal, das erwähnte Kind guckt nebenan Dschungelbuch. Mila, den Säulenheiligen hör ich mir schon noch an. Carolina und Mila, Euren Posts habe ich nichts beizufügen. Ausser, Carolina, dass mich die Erfahrungen Deiner Brüder erschüttern. Und das im No Hope System, wo die Leute so lange auf Operationen warten müssen, dass man sie nach Frankreich auslagert! Haben die nichts Gescheiteres anzufangen mit ihren Apparaten? Das war jetzt, ich gebe es zu, ein Fundi-Argument. Aber wie ging das? Die Lebenden lieben?

Gute Nacht.

Meta hat gesagt…

(Vergessen: Carolina, I take my hat off to you again! Was für eine Geschichte.)

Carolina hat gesagt…

Meta, Dschungelbuch haben wir auch gerade - zum 724. Mal (gefühlt!), ein Dauerbrenner.

Ganz kurz noch: ich habe irgendwann mal begriffen, dass keinerlei Verdienst darin liegt (liegen darf), so etwas erlebt zu haben. Hinter den Alltagsfassaden von viel mehr Menschen, als man glaubt, liegen solche Geschichten, jede anders. Meine Grosseltern und Urgrosseltern haben Dinge ertragen müssen, die für uns fast nicht vorstellbar sind. Banalität des Alltags heisst auch, dass wir alle in der einen oder anderen Art diese Bewährungsproben schaffen müssen. Nehmen Sie Milas Geschichten - die hat es in jeder Familie, überall.
Uns hat damals, ich glaube, ich habe es schon mal gesagt, ein kroatischer Arzt sehr geholfen, der relativ schlecht Englisch sprach, aber (ich nehme es an) aufgrund seiner Erfahrungen im Krieg ein Mitgefühl an den Tag legte, das nie 'patronising' oder besserwisserisch war, sondern distanziert auf unseren gesunden Menschenverstand vertraute.

Meine Brüder segeln seit Jahren in zwei Welten herum: die eine, mit Spitzenmedizin ausgestattete Welt, die Menschen immer mehr davon abzulenken scheint, dass sie letztlich doch sterblich sind, die andere in Somalia oder Ruanda, wo unsere Fragen und Probleme Luxus sind und völlig irrelevant. Es ist wichtig, sich das ab und zu wieder klarzumachen - wir neigen dazu, uns zu ernst zu nehmen.

mila hat gesagt…

@Carolina: Ich habe Ihre Geschichte keineswegs als moralische Erpressung empfunden. "...Schmerz hinterlässt auch eine wüste Spur." (Christa Wolf, Medea. Stimmen)

"Und das alles wäre heute nicht anders, und es wäre doch anders, weil die Zukunft leichter wiegt als die Vergangenheit und die Träume leichter als die Erfahrung, weil das ungelebte Leben leicht ist - so leicht." (Marie Luise Kaschnitz, Der Bergsturz) - Aber was sag ich da? Ich wiederhole mich zum wiederholten Mal.

@Meta: Danke für die Bestätigung.

mila hat gesagt…

PS@Carolina: Andere Dinge sehe ich immer noch dezidiert anders als Sie. Aber das tut eigentlich nichts zur Sache hier, zumal wenn man Inhaltliches, vielleicht auch Menschliches, von Persönlichem trennen will.

Orlando hat gesagt…

"unsäglicher Zustand". "Gemüse". - ich staune ob der rabiaten Disqualifzierung. Ich möchte nicht wissen, was sie beiden über schwerstbehinderte Menschen denken oder Altersdemente.

Es handelt sich - und ich bleibe dabei - um Ausprägungen des Lebens. Es ist nicht an uns eine Wertung vorzunehmen. Und schon gar nicht ist es an uns, den Stecker rauszuziehen, wenn wir wir (wie? demokratisch? zufällig? willkürlich?) entschieden haben, dass dieses Leben nicht mehr lebenswert sei.

Se questo è un huomo.

Carolina, ich finde keine Worte und werde nicht kommentieren, worüber sie geschrieben haben. Das steht mir nicht zu und ich wüsste auch gar nicht, was ich sagen könnte.

Und jetzt esse ich ein ausgezeichnetes Paenang Curry und wünsche allseits einen schönen, ruhigen Abend.

mila hat gesagt…

Nein, Orlando, Fälle wie Schiavo sind keine Ausprägungen des Lebens, sondern wurden erst von der Spitzenmedizin geschaffen. Vieles andere, was hier angesprochen wurde, ebenso; 'natürlich' ist daran wenig bis nichts. An diesem Umstand ist eine 'unterlassene' Handlung zu messen - sie erscheint dann womöglich als Weigerung, in einem bestimmten Kontext (weiter) Gott zu spielen.

Dass diese einfache Tatsache nicht in Ihren Kopf will.

Orlando hat gesagt…

Das ist zynisch. Der demente oder körerlich-geistig Schwerstbehinderte würde ohne "Spitzenmedizin" (was ist das eigentlich? Antwort: Es ist einfach die moderne Medizin, die zur Verfügung steht) auch nicht überleben und jämmerlich verrecken in freier Wildbahn.

Sie begeben sich auf sehr gefährliches Terrain. Wenn man die Medizin und den medizinischen Fortschritt im Dienste des Lebens ablehnt fällt man schnell hinter den Entwicklungsstand der Aufklärung zurück. Wenn man die Einteilung in lebenfähig/lebensunfähig an dem misst, ob ein Mensch ohne technologische/medizinsche/soziale/etc. Hilfsmittel leben könnte.

Vor 100 Jahren rafften Epidemien ganze Bevölkerungsschichten dahin. Heute kann man deâgegenhalten mit moderner Medizin. Nennen sie das etwa "unnatürlich"?

Sie faseln ja sonst die ganze Zeit von "bereit zu gehen" und so, also applizieren sie ihr bereit zu gehen mal auf Terri Schiavo. Sie war ganz offensichtlch nicht bereit zu gehen.

Und was wissen wir schon? Was wissen wir über das "Gemüse"? In welchem Bad unterbewusster Ströme die Terri Schiavo möglicherweise geschwommen ist, welchen permanenten Mega-Traum sie vielleicht erlebte und was von aussen zu ihr durchdrang?

Sie sieht nicht wirklich unglücklich aus auf den Bildern. Ihre Gesichtszüge verrieten keinen Schmerz.

Viele "Gemüse" sehen nicht besonders leidend aus, sondern eher heiter. Jedenfalls im Vergleich zu all den aggressiven Griesgramen, die am Morgen um 7.00 Uhr neben mir in der S-Bahn sitzen.

Das würde mich interessieren, Carolina: Sterbende, wenn sie den Tod vor Augen haben, so sagt man, entspannen sich, lassen sich darauf ein. Ist das so?
Oder erleben sie entsetzliche Kämpfe bis zum Schluss, ein Ringen, schmerzverzerrte Gesichter?

Orlando hat gesagt…

Dabei fällt mir der Film "Awakenings" mit Robert de Niro und Robn Williams aus dem Jahre 1990 ein.

Anonym hat gesagt…

Mila... Sie sind mir ein Rätsel.

Ich hab Ihre Beiträge zu Caros Geschichte extrem geschätzt, habe sie als ausgewogen, durchdacht und mit Augenmass gezeichnet empfunden. (fand überhaupt diesen Blog sehr erbaulich)

Ja: Ich empfand Sie als klug.

Nein! - ich will hier keineswegs einen neuen Streit ums alte Thema vom Zaun reissen. Mich drängt es hier nur meiner unendlichen Verwunderung Ausdruck zu verleihen:

Was hat Sie vormals nur geritten, sich derart verbissen in jenen irrationalen Sumpf der nicht zu begründenden Anwürfe zu begeben? Bis hin zu Sockenpuppenunterstellungen und immer neuen Varianten von Hinweisen über klare Fakten, die Sie bis zuletzt schuldig blieben?

Insbesondere, wenn ich sie hier so wohlüberlegt und gut begründet diskutieren sehe, kann ich mein Bild von Ihnen nicht mal annähernd mit jener anderen Mila in Übereinstimmung bringen.

Wie konnten Sie nur?
Was hat Sie dazu getrieben?

Sie geben hier wirklich ein ganz anderes Bild und nötigen mir Respekt ab (und wie gesagt: "dumm stellen" und klug sein, geht immer, aber "klug stellen" und dumm sein, ist ein Ding der Unmöglichkeit)

Welchen Trigger habe ich (oder waren es ev. gar nur die über mich bereits kolportierten Unterstellungen vor denen ja offenbar auch ein fufi nicht gefeit war) bloss in Ihnen angetippt, dass sie sich derart verbohrt irrational - und nun mal wirklich ohne jedes auch nur halbwegs brauchbare Argument - auf mich als bösen Mr. Mabuse eingeschossen haben???

- Das ist mir - nach über 100 Wortmeldungen zu diesen Thema hier - ein vollkommenes Rätsel.

((der Unaussprechliche))

Orlando hat gesagt…

(Ächz!)

Anonym hat gesagt…

@gabi
wahrscheinlich ist die antwort ganz einfach: weil in diesem blog, wenn auch kontrovers diskutiert wurde, sich alle ernst genommen fühlten und man sich in anbetracht des themas, das einem sehr nahe geht und genauso btrifft, man sich mit gegenseitigem respekt begegnet ist.
mit anderen worten, man ist mit diesem thema dermassen auf den begriff respekt "reduziert", dass einem gar nichts anderes übrig bleibt, sich damit zu begenen. wäre schön, wenn das so bleiben würde.
marie
ps: noch einmal caroline, danke für den beitrag. hat mich einmal mehr zum nachdenken gebracht was vor einem jahr passiert ist - hat mich geträstet!

Carolina hat gesagt…

O, ich traue mich wirklich nicht - Sie werden mich zu einer esoterischen, naiven Kuh erklären, wenn ich ehrlich wäre (hätte ich vor noch nicht 20 Jahren auch getan....).

Also so sachlich wie möglich: Ich habe noch nie einen Todeskampf miterlebt, der mir extrem schmerzhaft oder leidvoll erschien. In all den Jahren habe ich zwar Hadern, Zweifel bei Sterbenden gesehen, Wiedergutmachungsversuche (vor allem, wenn es um die Familie geht), Reue oder ein sehr langsames Sterben, auch das eine oder andere Mal sehr starke Schmerzen, die aber, wenn der Sterbeprozess eingesetzt hat, beiseite zu treten scheinen. Manchmal habe ich, lachen Sie nicht, eine 'Präsenz' im Raum gespürt, die den Sterbenden 'begleitet' hat (das werden Ihnen Pfleger auch bestätigen). Bei einer meiner Tanten hat sie uns selbst erklärt, dass sie jetzt mit M. (ihrem längst verstorbenen Mann) allein sein wolle und ist kurz danach friedlich gestorben. Kämpfe? Nein. Jeder einzelne Sterbende ist anders, aber soweit ich sagen kann, laufen die Prozesse innerlich ab. Ich kann Ihnen nur sagen, dass in allen Fällen, in denen ich dabei - und das betrifft insbesondere die Kinder - eine Stimmigkeit da war, als ob alles seine Richtigkeit habe.

Meine Brüder berichten von völlig anderen Dingen aus Kampfgebieten. Ich selber traue mich an das Gebiet 'Gewalttaten' nicht heran, daher ist meine nur eine eingeschränkte Wahrnehmung.

Ich weiss heute für mich, dass wir wirklich mehr auf unsere Altvorderen hören sollten - da ist soviel intuitives Wissen, das ich nicht hatte und wahrscheinlich auch nie haben werde:
ziemlich am Anfang habe ich eine relativ junge Frau begleitet, die in einem Spital weit ihrer Heimat, dem Wallis, gestorben war. Ihre alte Mutter stand sofort danach auf und riss die Fenster weit auf - damit die Seele gehen konnte. Sie erklärte mir, dass die alten Walliser-Häuser unter dem Giebel eine Oeffnung für genau diesen Zweck haben. Seitdem bilde ich mir ein zu erkennen, wenn die Seele den Körper verlassen hat oder noch da ist - und es ist gut.

pöh! hat gesagt…

a propos "es gibt kein recht auf den eigenen tod":

"Das Urteil war grotesk, und Richter wie Geschworene wussten es. Doch die Gesetzeslage ließ ihnen keine andere Wahl: Sie mussten Irene Coffee im Dezember 1941 nach gültigem britischem Recht wegen versuchten Selbstmordes und Mordes für schuldig erklären und zum Tode verurteilen. Es blieb ihnen neben dem eigenen massiven Unbehagen nur eine hilflose Urteilsergänzung: Mit der "höchstmöglichen Empfehlung, Gnade zu üben", versuchten sie abzuwenden, was sie gerade entschieden hatten und legten das Schicksal der 30-jährigen Frau in die Hände König Georges VI.

Seit dem 17. Jahrhundert stand auf versuchten Selbstmord in England die Todesstrafe. Wer bei einem Doppelselbstmord alleine überlebte, wurde zusätzlich noch des Mordes angeklagt. Dieses Gesetz galt bis Ende der 50er Jahre des 20. Jahrhunderts. Im Fall der Irene Coffee, die sich gemeinsam mit ihrer Mutter Margarete Brann umzubringen versuchte und alleine überlebte, offenbarte sich schon den Zeitgenossen die Absurdität dieser Rechtsprechung, wie das Gnadengesuch belegt."

Carolina hat gesagt…

Hallo pöh - long time no see.... Habe Sie vermisst, ehrlich!

Anonym hat gesagt…

Da bin ich sprachlos.. Das ist ja der Hammer.


Der perfekte Mord im England dieser Zeit wäre also ein, dem Opfer unterschobener, vorgetäuschter Selbstmord gewesen... Ein Killer, der bloss dem Gericht glaubhaft versichern können muss, der von ihm Angeklagte sei beim Versuch, sich umzubringen gescheitert...???

((der Unaussprechliche))

mila hat gesagt…

Orlando, hier verliert die Diskussion für mich persönlich jede Relevanz. Aus Ihren Kommentaren spricht meiner Wahrnehmung nach eine gewisse Lebens-Ferne, die mich entweder vermuten lässt, dass Sie noch nie mit einem qualvollen Sterben konfrontiert waren, oder aber, dass sie sich selbiges mit Rationalisierungsversuchen vom Leib zu halten versuchen. Ich habe jedenfalls für mein Empfinden genug Tode (hautnah) mitbekommen, um zu wissen, wie ich garantiert nicht enden möchte. Und was das Übrige betrifft: Sie wissen nur zu gut, dass ich rein gar nichts davon halte, den eigenen (notwendig begrenzten) Standpunkt auf die Allgemeinheit zu übertragen.

marie, schön, von Ihnen hier zu lesen!

Gabi, der Blick in den Spiegel ist es, an dem ich mich messe. Deshalb: Here's to you, Auguste.

Bon Jovi - These Days

http://www.youtube.com/watch?v=UCUzwEst3pE&ob=av2e

Oder doch das hier?

Bon Jovi - It's my life

http://www.youtube.com/watch?v=QdHcwaFZd_k

Meta hat gesagt…

Danke für den Säulenheiligen, Mila.

http://www.dailymotion.com/video/xiaduv_marlene-dietrich_music

Unaussprechlicher: dämmert Dir was? Wir schätzen Mila hier sehr und mögen es nicht, wenn Dahergelaufene sie anzünden, ohne selber was beizutragen. Dein Ton scheint sich ändern zu wollen. Gut so.

Gute Nacht allerseits!

mila hat gesagt…

"Das Eis, das heute noch trägt, ist schon sehr dünn geworden: der Tauwind weht, wir selbst, wir Heimatlosen, sind etwas, das Eis und andere allzu dünne ‘Realitäten’ aufbricht." - F. Nietzsche, Fröhliche Wissenschaft

Diese Worte Nietzsches haben - unabhängig vom zeitgeschichtlichen Kontext, in dem sie damals geäussert wurden - bis heute nichts von ihrer Gültigkeit verloren (in der Tat sind wir hier drinnen zwischenzeitlich so sehr darin geübt, selbst die feinsten Splitterbewegungen innerhalb dieser dünnen 'Realitäten' zu erahnen, dass wir zuweilen vorsorglich in Deckung gehen).

Ich möchte eigentlich nur eins zu bedenken geben: ein jeder von uns hat vermutlich gute Gründe, weshalb er in der Vergangenheit dieses getan und jenes unterlassen hat (wer keine guten Gründe hatte, hat sich in der Regel für sein Verhalten entschuldigt). Es wäre allerdings müssig, diesen Gründen im einzelnen nachzugehen: in den Ohren der anderen müssen sie jeweils notwendig falsch klingen. Ich halte es deshalb mit Foucault, der sich derartige Rück-Forschungen in der 'Archäologie des Wissens' kategorisch verbat: "Man frage mich nicht, wer ich bin und man sage mir nicht, ich solle der gleiche bleiben (...)."; womöglich hatte er dabei folgendes Bonmot von Nietzsches Zarathustra vor Augen: "Ich bin ein Geländer am Strom – fasse mich, wer mich fassen kann! Eure Krücke aber bin ich nicht."

Man kann über mich denken, was man will (wobei ich mich selbst nicht als das Rätsel bezeichnen würde, als das man mich hier nun schon wiederholt von verschiedener Seite hingestellt hat): meine Handlungen haben hinter ihren (zugegebenermassen) vielfältigen Oberflächenerscheinungen eine gewisse untergründige - und wie ich meine: gradlinige - Stringenz, zu der ich jederzeit stehen kann. Wer selbige bislang nicht erkennen konnte, der würde sie auch nicht erkennen, wenn ich sie jetzt mit vielen gekünstelten Worten beschönigend in Szene zu setzen versuchte. Was mich jedoch immer wieder umtreibt ist, wie wenig wir offenbar dazu in der Lage sind, wenn nicht genuines Verständnis, dann doch zumindest ein besonnenes Gespür für die anders gelagerten Sicht- und Denk-Weisen des Gegenübers aufzubringen. Tennesse Williams drückte es rabiater aus: "Die menschliche Rasse ist eine Bestie, die sterben muss, aber diese Tatsache, dass sie sterben muss, erfüllt sie noch lange nicht mit Mitleid für die anderen (...)." Dieselbe existentielle Ausgangslage, die wir alle miteinander teilen, sie scheint wenig zu einer menschlichen Grund-Verständigung beizutragen.

Then again: this aint a silent prayer for the faith-departed.

mila hat gesagt…

PS@Meta: was für eine Frau, was für Worte. Authentisch aus ihrem Mund.

pöh! hat gesagt…

"Ich bin ein Geländer am Strom – fasse mich, wer mich fassen kann!"

wer setzt denn ein geländer unter strom? gemeingefährlich ist sowas!

mila hat gesagt…

pöh, was bin ich froh, bist Du da! Du wenigstens hast mich nie als Rätsel bezeichnet, nur als wehleidige Ziege (u.a.). Damit kann ich irgendwie besser leben.

*undweg*

mila hat gesagt…

PS:

Die indirekte Selbstbeschreibung Nietzsches durch Zarathustra halte ich übrigens für äusserst treffend: insbesondere den Zusatz "Eure Krücke aber bin ich nicht." Hätten sich doch vereinzelte Nietzsche-Epigonen diese Aussage etwas mehr zu Herzen (und zu Verstand) genommen. - Soviel Assoziatives zum kleinen Wörtchen 'gemeingefährlich'.

pöh! hat gesagt…

wehleidige ziege? echt? mmh... nehme aber an, dass ich das nicht aus dem blauen himmel heraus getan habe..?

mila hat gesagt…

Ich glaube, ich hatte Dich zuvor mit einem bösen Kommentar über die fehlende akademische (Ver-)Bildung, die sich in Deinen Aussagen äussern würde, gereizt (gelinde ausgedrückt). Orlando hielt damals eine Entschuldigung für angebracht, und er hatte ja recht: ich habe in dieser Situation jegliche gute Kinderstube vermissen lassen, und war dazu reichlich unfair. Kein Wunder, hieltest Du mich für eine nicht nur wehleidige, sondern darüber hinaus auch hochnäsig-elitäre Ziege.

Wie gesagt: damit kann ich leben. Aber jetzt muss ich mich fürs erste ausklinken.

Anonym hat gesagt…

Nein, nein, Meta:

Das ist ein Irrtum und das ist ja grad der Quell meines Staunens:

Mein Ton ändert sich überhaupt nicht. War und ist immer derselbe. Habe nie anders mit Blogern diskutiert, die tatsächlich mit mir diskutieren wollten und sich daher dem stellen konnten und wollten, das sie selber oder dass ich, geäussert hatte

Ich konnte (und kann) es nie verwinden, von Gegenübern dumm angefahren zu werden, um dann den Äusserungen auch noch entnehmen zu müssen, dass diese nicht mal wissen, worauf sie ihre Gewissheiten überhaupt abstützen wollen.

Wir hingen ja genau immer in der Schlaufe fest von "ja, aber wo hab ich denn sowas geäussert" oder "was tue ich denn nun angeblich genau?", ohne dass je auch nur ein halber Satz gekommen wäre, von dem aus man dann was Konkretes hätte weiter diskutieren können.

Drum staun ich ja grad.. Wieso sollte es nicht möglich gewesen sein, nicht nur auf Grund von Mutmassungen und Unterstellungen los zu legen, wenn´s doch ganz offensichtlich auch noch was jenseits von einfach gestrickten Anwürfen gäbe.

Es bleibt ein Rätsel; ist so.

((d.U.))

mila hat gesagt…

Gabi, ernsthaft: Sie staunen, rätseln noch...? Dann rätseln Sie doch ruhig weiter (im Geiste marie mit einem Rosé zuprostend).

Aber, huch: Is there anybody else out there? Ich wollte eigentlich niemanden verjagen...

Orlando hat gesagt…

Kommunikationsprobleme à la gähn.

Wie der Unaussprechliche unsäglich nichtssagend, in ausgesprochen schwachsprachigen Redefluss und im Sprachlich-Kommunikativen sagenhaft versagend zu uns spricht, kommentiere ich entsprechend nur wortlos. Unredlich, solch wortwörtliche Redseligkeit, ja, was sag ich? Schwafeligkeit! Ich sag ja nur. Oder: Ich habe gesprochen.

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"Es ist der alte, ungleiche Kampf zwischen Kritik und Schöpfung, Wissenschaft und Kunst, wobei jene immer recht hat, ohne daß jemand damit gedient wäre, diese aber immer wieder den Samen des Glaubens, der Liebe, des Trostes und der Schönheit und Ewigkeitsahnung hinauswirft und immer wieder guten Boden findet. Denn das Leben ist stärker als der Tod und der Glaube ist mächtiger als der Zweifel."
- Hermann Hesse, Unterm Rad

Anonym hat gesagt…

lucio addio!
http://www.youtube.com/watch?v=JqtSuL3H2xs&ob=av2n
für meine heissgeliebte oma.
wünsche allen eine schönen abend!
marie

mila hat gesagt…

marie, ein kräftiges cin cin auf Ihre Grossmutter - ich für meinen Teil stosse mit einem Kloster(ge)bräu an.

Orlando, heute spielt meine Jukebox für Sie (Balasevic - wen denn sonst?):

http://www.youtube.com/watch?v=PlTn1gVSNVU

Orlando hat gesagt…

Wie dem auch sei.

Ich verschiebe mich nun für ein paar Wochen in den Süden, viel südlicher noch, als Serbien liegt. Wenn man mich also sucht, muss man auf der südlichen Halbkugel suchen. Dort spaziere ich mit Hund am Strand, trinke Whisky und lese Nietzsche. Nietzsche bei den edlen Wilden, harharhar. Vielleicht lasse ich mir einen grotesk wuchernden Schurrbart wachsen. Und vielleicht lasse ich eine Träne in den Ozean plumpsen. Vielleicht kehre ich selbst als Wilder zurück.

Wer weiss.

Au revoir!

Meta hat gesagt…

Mila, ja! Sie hatte grösste Mühe mit dem Altwerden und soll zu reichlich unorthodoxen Methoden gegriffen haben, um noch im Grossmutteralter so auszusehen: http://www.youtube.com/watch?v=KKxaMAxC3Go Es gibt Aufnahmen von einer Gala Anfang der 70er, wo sie immer noch so aussah. Die finde ich leider grad nicht. (Die deutsche Version ist leider nur uralt online.) Dafür ranken sich um ihren Tod meines Wissens keine Skandale.

Gute Nacht.

Meta hat gesagt…

P.S. auf Wiederlesen!

(Die Geschichte meines Lebens? Übersetzungsmaschine?)

Carolina hat gesagt…

Godspeed, Orlando. Warum sollten Sie als Nicht-Wilder zurückkehren, das wäre ja noch schöner....

Tiger hat gesagt…

Ja, marie, welch Schock gestern. Dalla ist eine der wahrhaftesten italienischen Künstler gewesen. Ich wollte ihn so um 2003 in Zürich hören gehen, aber es klappte nicht.

Mein Lieblingsstück von ihm ist das hier:

https://www.youtube.com/watch?v=rJlKYTSuFgU

Ich habe es ja schon einmal übersetzt, aber da ich den Text nicht mehr fand, hier noch einmal.

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L'anno che verrà
-- Das Jahr, das kommt

Lucio Dalla 1979

Caro amico ti scrivo cosi mi distraggo un po'
e siccome sei molto lontano piu forte ti scrivero.
-- Lieber Freund, ich schreibe Dir, so hab ich etwas zu tun
-- und weil Du weit weg bist, schreibe ich ganz laut

Da quando sei partito c'è una grossa novita
l'anno vecchio e' finito ormai ma qualcosa ancora qui non va.
-- Seit Du weg bist, ist hier alles neu
-- Das alte Jahr ist leider vorbei, aber etwas läuft hier noch nicht so

Si esce poco la sera compreso quando e' festa
e c'e chi ha messo dei sacchi di sabbia vicino alla finestra.
-- Man geht wenig aus am Abend, auch an Feiertagen
-- manche haben Sandsäcke vor die Fenster gestapelt

E si sta senza parlare per intere settimane
e a quelli che hanno niente da dire del tempo ne rimane.
-- Ganze Wochen lang schweigt man, und jene, die nichts zu sagen haben, haben umso mehr Zeit

Ma la televisione ha detto che il nuovo anno
porterà una trasformazione
e tutti quanti stiamo gia aspettando.
-- Das Fernsehen aber hat gesagt, dass das neue Jahr eine Veränderung bringt, und wir alle warten darauf.

Sara tre volte Natale e festa tutto il giorno
ogni Cristo scendera dalla croce
e anche gli uccelli faranno ritorno.
-- Es wird drei Mal Weihnachten sein und den ganzen Tag durch wird gefeiert, Christus kommt vom Kreuz herunter und die Vögel zurück.

Ci sara da mangiare e luce tutto l'anno
anche i muti potranno parlare
mentre i sordi gia lo fanno.
-- Es wird zu Essen geben und Licht übers ganze Jahr
-- Auch die Stummen werden sprechen können, während es die Tauben heute schon tun.

E si fara l'amore ognuno come gli va
anche i preti potranno sposarsi
ma soltanto a un a certa età.
-- Und man wird Liebe machen, jeder so, wie es ihm gefällt
-- Auch die Pfarrer werden heiraten können, allerdings erst ab einem gewissen Alter.

E senza grandi disturbi qualcuno sparira
saranno forse i troppi furbi
e i cretini di ogni età.
-- Und ohne grosse Umstände verschwinden Leute, vielleicht die zu Schlauen und die Dummköpfe jeden Alters.

Vedi caro amico cosa ti scrivo e ti dico
e come sono contento di essere qui in questo momento.
-- Sieh, lieber Freund, was ich Dir schreibe und sage
-- Und wie ich froh bin, in diesem Moment hier zu sein

Vedi caro amico cosa si deve inventare
per poter riderci sopra
e continuare a sperare.
-- Sieh, lieber Freund, was man sich so ausdenken muss
-- um lachen zu können und die Hoffnung nicht zu verlieren

E se quest'anno poi passasse in un istante
vedi amico mio come diventa importante
che in questo istante ci sia anch'io.
-- Und wenn dieses Jahr in einem Augenblick vorüber sein sollte, dann
-- Sieh, lieber Freund, wie wichtig es wird, dass ich in diesem Augenblick auch dabei bin

L'anno che sta arrivando tra un anno passerà
io mi sto preparando
e' questa la novità.
-- Das Jahr, das kommt, wird in einem Jahr vorbei sein
-- Ich bereite mich darauf vor
-- Das ist die ganze Neuigkeit.

Tiger hat gesagt…

Ein paar Akzente fehlen, die sind beim Copypasten heraus- und mir nicht aufgefallen, scusate.

Übrigens hätte ich einfach eine Übersetzung im Internet nehmen können, aber die paar, die ich gesehen habe, waren ausgesprochen schlecht. Meine ist viiiiiiel schöner. Ich habe mir zuerst sogar überlegt, das Versmass richtig wiederzugeben und die Verslängen (und danach sogar zu reimen), aber dieser Aufwand wäre mir zu hoch gewesen. Sorry, jetzt könnt Ihr halt nicht mitsingen auf Deutsch.

marcus hat gesagt…

guter text (danke, carolina) und interessante diskussion. vor dem tod gibt's keine kulissenschieberei mehr, da braucht's klartext.

@meta: ist dialog ethik eine vertrauenswürdige adresse?

mila hat gesagt…

Meta, soweit ich weiss, hat sie gegen Ende ihres Lebens, als die Erscheinung partout nicht mehr aufrechtzuerhalten war, jede Öffentlichkeit strikt gemieden. Insofern konnte selbige auch nicht Zeuge des Verfalls werden, wie beispielsweise bei einer Elizabeth Taylor. Lola forever. Schönheit, scheint mir, ist für solche Frauen ebenso Fluch wie Segen.

Vom 'Portet' gibt es leider keine akzeptable Übersetzung, und ich habe keine Zeit (und in diesem Fall auch nicht die Kunstfertigkeit), mich selbst an einer zu versuchen. Nur so viel: das Bild des Bildnisses ist durchaus bildlich gemeint. Balasevic malt mit Worten - respektive lässt malen.

mila hat gesagt…

PS@Orlando: Wollen Sie uns ernsthaft weismachen, es gäbe in diesen südlicheren Gefilden halbwegs akzeptablen Whisky, aber kein Internet? Ich bitte Sie.

Reisen Sie gut. Und lassen Sie Nietzsche Nietzsche sein, for heaven's sake!

Tiger hat gesagt…

Oh läck, diese ganzen Whiskeyconnaisseurs und -connaisseusen. Peinlich.

Meta hat gesagt…

Marcus: glaub schon, kenne aber nur einen von denen persönlich (der ist allerdings schwer in Ordnung).

Mila: yup.

Tigrotto, bella canzone.

Grafik der Woche: http://www.economist.com/node/21548272

Buona notte.

mila hat gesagt…

Zum Thema Schönheit (wenn wir schon dabei sind...) ein weiterer Aspekt:

http://www.youtube.com/watch?v=EiMm_HQSSCQ

Angesichts der zahllosen Cover auf youtube scheinen Pete Murrays Worte einen offen liegenden Nerv zu treffen - vielleicht ein Thema für eine CB, irgendwann?

Meta hat gesagt…

Ja also, zum Schönheitswahn sagt das Schneewittchen doch schon alles... nicht? Spieglein, Spieglein an der Wand! Ich entdecke die Märchen wieder. Ganz merkwürdig ist das Ende vom Froschkönig/Eisernen Heinrich. Hat nicht Verena Kast die Psychoanalyse auf die alten Geschichten losgelassen? Hat jemand hier mal sowas gelesen?

Meta hat gesagt…

... http://www.youtube.com/watch?v=1L0p2bLOoHU

Gute Nacht.

mila hat gesagt…

"I met a girl, she was a complete mess
I should've left her well alone, but oh no, not me
I had to see if underneath that dress
her heart was really made of stone."

Das ist der Stoff, aus dem die wahren Dramen (oder sollte ich sagen: Alp-Träume?) sind - hab Dank dafür, Meta! Es bringt mich auf vergessene Gedanken.

marcus hat gesagt…

meta: danke fürs feedback, ich werde mich dort mal einlesen. obwohl viele diagnosen zu sehr mit ja/nein zu beantworten sind, mir fehlen da etwas die zwischentöne und der zeitliche verlauf.

kleiner lesetipp im aktuellen tagi-magi: "königlicher krebs" von peter haffner, mit einem für mich überraschend positiven blick auf den krebs.

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