Im Andenken seines Vaters:
Eine Carte Blanche vom Tiger
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Mein Vater war bis zu seinem Tod 2009 Journalist im Tessin, und diesen Text habe ich von ihm geerbt. Geschrieben hat er ihn für eine Anthologie des Tessiner Journalismus, die erschien in den ersten Jahren dieses Jahrtausends (fragt mich nicht, genau wann). Übersetzt habe den Text ich, für die Abdankungsfeier in Sementina. Den Stil zu übersetzen ist schwierig, es ist mir sicher nicht immer ganz gelungen.
Viel Spass beim Lesen.
Tiger
Tiger
Wenn Journalismus... magisch ist
Vom Vater vom Tiger († 2009)
Ins Deutsche übertragen vom Tiger
Vor vielen Jahren, als ich noch ein Kind war, fragten die Grossen oft die Kinder anderer Familien, was sie denn als Grosse machen wollten. Die Antwort war oft die Erwartete: “Ich will das werden, was mein Vater ist.”
Manchmal war das, was der Vater machte, aber so uninteressant, dass man auf “Reserveberufe” ausweichen musste. Und darum antworteten viele Kinder einfach mit “Pilot”. Pilot ist, klar, ein romantischer und gut bezahlter Beruf, ein Beruf, wo man viel unterwegs ist, stets in tadelloser Uniform, von allen respektiert und beneidet. Mit anderen Worten, was die Kinder da sagten war nichts anderes als eine Mischung der nicht sehr konkreten Träume der Kinder und der guten Wünsche der Eltern.
Mit der Zeit änderten sich die Antworten. Die Mädchen legten sich auf Assistenzberufe fest wie Krankenschwester, Ärztin oder vielleicht Tierärztin, später kamen dann Dinge hinzu wie “Showgirl” oder “Freundin eines Berühmten”; die Jungs, unter dem Eindruck der diversen “Groundings” von Swissair, Alitalia und so weiter, begruben das mit dem Fliegen, änderten ihre Ambitionen und wollten plötzlich, einige davon zumindest, Journalisten werden. Und genau das habe ich gemacht, nachdem ich mühselige Studien zum Architekten absolviert hatte – und zum Überdruss aller mich für einige Zeit sogar darauf kapriziert hatte, Pilot zu werden.
Ich gebe zu, dass ich mich glücklich schätze. Nachdem ich weder Architekt noch Pilot hätte werden können, änderte ich mit Hilfe von begabten und geduldigen Lehrern meinen Beruf auf Journalist – gerade noch rechtzeitig, bevor ich zum Opfer des ausserordentlichen Aufschwungs der universitären Fakultäten der “Kommunikationswissenschaften” wurde, von denen es mittlerweile allein in Italien 16 gibt. 16 Fakultäten, die heute bekannt sind als Erzeuger von ganzen Horden von... arbeitslosen Journalisten.
Aber was soll's... der Journalismus, so, wie wir ihn auch heute noch verstehen, ist auf dem Weg der Auslöschung. Denn neben dem allmählichen Niedergang der herkömmlichen Medienszene erleben wir das Erblühen der elektronischen Informationsmittel und den Aufstieg der Netzes alles Netze, ein Phänomen, das sich ins Absurde beschleunigt, ins Unkontrollierbare.
“Who killed the newspaper?” fragte der Economist, der verkündete, dass die Tage des Bedruckens von Papier mit Informationen gezählt sind. Eine reine Frage der Zeit. Der Grabstein stehe schon bereit, schrieb Philip Mayer, in “The Vanishing Newspaper”. “Noch zwanzig Jahre”, so Mayer, “und der letzte, erschöpfte Leser wird die letzte Zeitung zerknüllt wegwerfen.” Warum? Der Economist hat keine Zweifel: Das Internet wird unser Tod sein.
Nun, und das wären die Wünsche der Herausgeber des Werks gewesen, welches Sie in Händen halten, müsste ich Ihnen wohl etwas erzählen über die lange Zeit, die ich verbracht habe als Korrespondent in Südamerika, den USA, in Europa, Australien, Kanada sowie in vielen Ländern Afrikas und Asiens, ich sollte Ihnen ein paar meiner Abenteuer erzählen, versuchen, Sie mit einem Feuerwerk an Spezialeffekten zu verblüffen.
Nein. Ich werde einen anderen Weg beschreiten, den des Herzens, der Erinnerungen, in der Hoffnung, dass Sie daran Freude haben.
Ich habe stets gedacht, die Journalisten seien eine privilegierte... “Kaste”, weil wir – wie es der unvergessene Indro Montanelli, der Doyen des italienischen Journalismus, ausdrückte – weil wir bezahlt werden, das zu tun, was uns gefällt. Nach einem Leben, verbracht mit Schreiben und mit Reisen, muss ich allerdings einräumen, dass die ernüchterndsten und bleibendsten Erinnerungen nicht jene sind, die mit den Abenteuern verbunden sind, mit den Gefahren und Schmerzen, welche dieser Beruf Dir früher oder später zeigt, auf unseren vielen Reisen durch diese böse, hässliche Welt, die oft nicht die unsrige ist, die wir oft nicht verstehen und die uns oft nicht verstehen will.
Nein, die intensivsten, packendsten Momente sind gar nicht jene der Gefahren, der offenen oder versteckten Drohungen, der widrigen Arbeitsumstände, etwa in einer durch den eisernen Vorhang entzwei geschnittenen Welt, mit dem allgegenwärtigen kalten Krieg, mit dem Kampf der Religionen. Nein, was dir bleibt, was manchmal unvermittelt aus dem Gebirge der Erinnerungen an die Oberfläche drängt, wenn du eine kleine Bilanz ziehst, einfach so mal schnell, was dir bleibt, ist das kleine, intensive Ereignis, jenes, das dich bewegt hat, welches dich zu Tränen gerührt hat, zu jenen Tränen allerdings, die dir nur innen drin hinunterrinnen – denn einem gestandenen Reporter sind Tränen nicht gestattet. Ein gestandener Reporter hat alles gesehen und darf sich über überhaupt nichts mehr wundern.
So ist es allerdings nicht, so war es nie. Und wenn es so wäre, würde der Journalist einer der Grundfesten seines Berufs verlustig gehen, seines Zugangs zur Nachricht, der eigentlich stets ein Zugang zu den Personen ist, welche diese Nachricht erst erschaffen oder erleiden. Wer sich nicht mehr zu wundern vermag, wer das Mitgefühl verliert, hat verloren. Denn wer selbst unbewegt bleibt, wird auch seine Leser nicht bewegen können. Und was für ein Journalist ist jener, der es nicht schafft, die Leser zu berühren, mit seinen Worten an ihr Herz zu rühren, ein wenig zumindest?
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Folgen Sie mir jetzt bitte, wenn ich drei kurze und bewegende Geschichten erzähle, Geschichten, die oft passieren, während man eigentlich etwas ganz anderes vorhat, nämlich über ein grosses Ereignis zu berichten, wozu man ja gerade in ein fernes Land gekommen war. Manchmal, jedoch, geschehen diese Geschichten gleich um die nächste Ecke.
Bill, ein 50-jähriger Obdachloser in San Francisco, wo ich mich für ein Grossereignis eine Woche aufhielt, hatte sich angewöhnt, in meinem Mietauto auf dem Parkplatz meines Hotels zu übernachten. Er hatte mich vorher sehr nett, mit viel Würde darum gebeten: Lass mich in Deinem Auto übernachten, bitte, ich habe sonst nichts und ich will sonst auch nichts. Mein Name ist Bill... und er streckte eine bleiche Hand aus, knochig, und etwas dreckig. Ich bitte Dich, ich wäre Dir dankbar. Er hatte mir eine wenig wahrscheinliche Geschichte erzählt, er sei ein ehemaliger Hochschulprofessor, den das Leben ausgespuckt hatte, direkt auf das Trottoir der Union Street, wo er seither lebte. Am nächsten Morgen musste ich ihn wecken, aber er hatte eine Überraschung für mich: zwei Tageszeitungen, wohl gerade frisch geklaut. Er schlief die ganze Woche in meinem “Hotel”, und jeden Abend servierte er mir eine neue Lektion: Genau mit dem richtigen Pathos zitierte er Verse grosser amerikanischer Dichter. Auswendig tat er dies, und dann ging er sogar dazu über, Cesare Pavese und Salvatoro Quasimodo zu zitieren. Der Penner war wieder zu dem geworden, was er stets gewesen war: ein sensibler, vom Leben misshandelter Mann. Ich versuchte, ihm ein kleines Bisschen Wärme zu geben, und er war sehr dankbar dafür. Wir verabschiedeten uns, für immer, mit feuchten Augen. Ohne zurückzuschauen.
Lassen Sie mich dann erzählen von dem, was mir geschehen ist vor einigen Jahren, in einer Primarschulklasse in Lugano Loreto. Vermittelt von ihrer Lehrerin Raffella, im Rahmen eines Programms, wo diverse Berufe gezeigt wurden zeigte ich Kindern von sieben oder acht Jahren die Magie der Zeitungen. Ausgerüstet mit einer Digitalkamera und einem Notebookcomputer schrieb ich direkt vor Ort einen Artikel über den Journalismus, über die Schule und über die Kinder, mit denen ich mich unterhielt. Und ich fotografierte sie auch. Dann packte ich alles zusammen und schickte es einer Tessiner Tageszeitung, die es veröffentlichte. Und als ich am nächsten Morgen in die Klasse zurückkehrte, stand ich vor Kindern, die verblüfft waren über die “Magie”, der sie beigewohnt hatten, Kindern, die knapp lesen konnten, aber die mit grosser Aufmerksamkeit den Artikel gelesen hatten. Es wurde ein grosses Hallo, viele Fragen, vermischt mit dem steten Satz “Wenn ich gross bin, will auch ich Journalist werden.” Welche Sprachen muss man lernen? In wie vielen Ländern bist du gewesen, mit wieviel Jahren hast du angefangen? Und dann kam die Fragen aller Fragen: Wieviel verdient man als Journalist? Ach, wieviel verdient man... gerade sieben Jahre alt, schon ein bisschen Journalist, aber sehr wohl schon Schweizer...
Lassen Sie mich noch eine dritte Anekdote hinzufügen. In Prag, am Ende der 70er Jahre, am späten Ende eines festlichen Abends, ich fuhr gerade zurück mein Hotel, in eines jener typischen Hotels der kommunistischen Zeit: Lächerlich gross, mit absurden Verzierungen, dicken Vorhängen und über allem ein Duft von gekochtem Kohl. Und am Rand der Strasse nahm ich ein Gespenst wahr, das Autostop machte. Ich hielt an: sie waren zu zweit, seit wenigen Stunden verheiratet, er im Anzug, sie im Hochzeitskleid. Sie suchten ein Taxi, seit einer geschlagenen Stunde, erfolglos. Sie fanden mich, und ich brachte das... Gespenst und seinen Ehemann in ihre kleine Wohnung nach Strare Mesto in der Altstadt. Ein schönes Hochzeitsgeschenk, sagte er mir: die Eingeladenen waren abgezogen und niemand hatte an sie gedacht, und ein Taxi im Jahr 1978, in Prag... Angekommen, luden sei mich zu sich ein, und wie es die lokalen Sitten gebieten, gaben sie mir das übrig gebliebene Stück der Hochzeitstorte, das sie in einem Karton mitgenommen hatten. Keine Torte war jemals so köstlich gewesen wie jene in Prag. Danach folgte ein warmer Abschied mit einer kleinen Träne. Danke Marija, danke Václav, fast nur Eure Namen sind mir von Euch geblieben, weil das Leben weitergeht, und manchmal geht es schlecht weiter. Geblieben ist mir auch der Geschmack jener Hochzeitstorte, der besten meines ganzen Lebens.
22 Kommentare:
Ein schöner Text, Tigri.
Dass ich mit der Mischpoke der sog. "Auslandskorrespondenten" sonst meine liebe Mühe habe, soll hier jetzt mal nicht thematisiert werden.
Aber etwas anderes - sogar zwei Dinge - möchte ich zu Bedenken geben:
1) Als das Radio erfunden wurde, sagte man, die Zeitungen würden es nicht überleben.
Als das Fernsehen erfunden wurde, sagte man nun seien Zeitungen und Radio überflüssig.
Als das Internet kam, sagte man das Ende der Zeitungen (und des Radios und des Fernsehens) voraus.
Will sagen: Die Zeitung, dieses Medium aus dem 18. Jahrhundert, hat schon drei mediale Revolutionen überlebt.
2) Es braucht weterhin "seriöse" Journalisten, wie dein Vater einer war. Was heisst seriös: Es heisst wahrscheinlich, sich der Schnelllebigkeit zu entziehen, unabhängig sein von Quoten und auch vom Zeitgeist, gründlich recherchieren (wie zum Beispiel die Weltwoche dies tut), und diese Journalisten sammeln sich an einem Ort (das muss nicht unbedingt eine gedruckte Zeitung sein, es kann auch ein Radiosender, ein TV-Programm oder ein Blog sein) der eine gewisse in die Vergangenheit reichende Tradition der Seriosität hat. Nicht das Schnelle, Bunte, Billige, Junge, Sexye etc. macht diese Gravitas eines Titels aus, sondern eher genau das Gegenteil von alledem. Einem Artikel zu einem komplexen oder umstrittenen Thema aus der Herald Tribune traue ich einfach mehr, als einem ebensolchen aus der britischen Sun. Die NZZ erschien erstmals im Jahre 1780.
Und: Dieses haptische Wohlgefühl von weichem Zeitungspapier in den Fingern, während es nach frischem Kaffee riecht und Gipfeli, diese Ordnung, die Welt, die mir strukturiert und in ausgefeilten Texten von ausgewählten Autoren (die ich mit der Zeit kennenlerne und schätze) jeden Tag dargeboten wird auf einen Blick, dass ich mir auswählen kann, was mich interessiert, ohne zum nächsten Kanal wegzappen zu müssen oder in den wilden Fluten des Internets mühsam zusammenzusuchen, was ich eigentlich wissen will (und immer noch nicht weiss, ob ich nun wirklich bei einer vertrauenswürdigen Quelle gelandet bin) - all das ist doch etwas Wunderschönes!
Und ich mag es, eine Zeitung zu kaufen, am Kiosk bei der hübschen Kioskverkäuferin, vielleicht ein Lächeln oder gar einen Schwatz halten, dann die Zeitung unter den Arm klemmen und und später beim Kaffee auseinandernehmen zu können, die Bünde, die mich weniger interessieren (Sport) wegzulegen, das Schöne für zuletzt aufheben. All das kann ich auch auf dem Tablet nicht. Und das Tablet kann ich im Zug oder im Café auch nicht grosszügig liegenlassen für jemanden, der sich vielleicht darüber freut.
Auch ein schöner Text, Orli!
Nun denn, ich, ach was solls!
http://www.youtube.com/watch?v=KjyKN6m7ThM
Ich gratuliere zu diesem Vater. Er ist scheinbar einer jener gewesen, der den Beruf auch als Berufung gesehen haben und das innere Feuer bewahren konnten. Diese Gattung sieht man nicht mehr so oft, ich habe manchmal das Gefühl, nur noch der Nettogewinn in Franken zählt. Dabei sind solche Werte das grössere Vermögen, wenn sie sich im Leben der Nachkommen eingeprägt haben.
Bevor mehr von mir kommt, noch schnell: heute ist der Tod meines Vaters genau 3 Jahre her. Danke O, danke Franz und danke Fufi fürs Veröffentlichen.
'Nein, die intensivsten, packendsten Momente sind gar nicht jene der Gefahren, der offenen oder versteckten Drohungen, der widrigen Arbeitsumstände, etwa in einer durch den eisernen Vorhang entzwei geschnittenen Welt, mit dem allgegenwärtigen kalten Krieg, mit dem Kampf der Religionen. Nein, was dir bleibt, was manchmal unvermittelt aus dem Gebirge der Erinnerungen an die Oberfläche drängt, wenn du eine kleine Bilanz ziehst, einfach so mal schnell, was dir bleibt, ist das kleine, intensive Ereignis, jenes, das dich bewegt hat, welches dich zu Tränen gerührt hat, zu jenen Tränen allerdings, die dir nur innen drin hinunterrinnen – denn einem gestandenen Reporter sind Tränen nicht gestattet'. Dieser Satz geht mir nahe - mein Vater hat etwas ganz ähnliches gesagt, bevor er dieses Jahr gestorben ist.
Ich bin ein grosser Bewunderer von Leidenschaftlichkeit - Ihr Vater, Tiger, scheint ein leidenschaftliches Leben gehabt zu haben. Hoffentlich kann Ihnen das ein Trost sein.
Ja, das tat er, zuweilen, aber er hatte seine Quälereien im Innern, auch solche, die ihn immer wieder behinderten.
Man mochte ihn, man respektierte ihn, Feinde hatte er kaum, im Tessin, und zu seiner Abdankung kamen vielleicht 100 Leute, darunter einige solche, die ihn gar nicht persönlich gekannt hatten. Und nach seinem Tod machten diverse Zeitungen Nachrufe... das war im grossen Schmerz ein gutes Gefühl.
Für ein paar Monate war er sogar Lega-Gemeinderat in Giubiasco gewesen, irgendwann in den 90ern... Aber er war eigentlich kein Politiker, darum hörte er auf. (Lega, übrigens, soviel dazu, dass ein Sohn die Ansichten des Vaters übernimmt... bei uns war das, im Politischen, nicht der Fall).
Danke, Carolina. Er wäre sicher froh, dass sein Ding ankommt hier.
Zum Journalismus: Man kann die Zeitung aus vielen Gründen toll finden, weil sie billig ist, weil sie praktisch ist, weil sie oft Qualität enthält, weil sie gut riecht und sich anfühlt. Das ist ok. Nur: es ist egal. Der Welt ist es egal. Die Zeitung als physisches Medium, als Aufbewahrungsort für Text, ist wohl wirklich dem Untergang geweiht. Das Radio hat den Vorteil, dass damit die Stimme übermittelbar ist, sowie natürlich Musik, das TV macht ja vor allem Bilder sichtbar, neuerdings in HDTV. Das sind alles Eigenschaften, die die vorhergehenden Medien nicht boten. Das Internet allerdings kann das alles auch, es transportiert den Journalismus wie die genannten Medien. Text bleibt Text, auch im Internet. (Eigentlich wird der Text ja sogar aufgemotzt zu Hypertext, mit Links und so weiter, aber das nur nebenbei.) Und darum ist dieses eine klare Konkurrenz zu den Zeitungen. Denn viele Leute sind nicht am Papiergeraschel interessiert, nicht am Druckerschwärzegeruch, nicht an der hübschen Zeitungsverkäuferin (bei der sie halt jetzt den Cappuccino, das feine schwarze Kägi Fret und den ok-Energydrink kaufen [der, nebenbei, gar nicht so schlecht ist]). Viele Leute wollen die Information (und vielen reicht jene von 20 Minuten, doh! ...) und ob sie diese im gedruckten Tagi finden oder in der Onlineausgabe ist ihnen egal.
Darunter kann natürlich der Journalismus leiden. Schon heute ist er, verglichen mit dem von vor vielleicht zwanzig Jahren, ziemlich schwach geworden. Es wird immer oberflächlicher recherchiert, es wird immer schneller geschrieben, immer mehr und mehr. Das passt nicht nur mir nicht, aber sich darüber aufzuregen ist etwa so nützlich wie gegen den Bau von Langstreckenraketen in Nordkorea zu sein. Nicht also.
Nun, Hoffnung flösst ein, dass die grossen Verlage immer mehr richtige Onlineabos verkaufen für neue Medien wie Tablets. Die NYT ist hier ziemlich erfolgreich (vor ein paar Jahren wurde sie noch verspottet, auch von mir, als sie diese Pläne verkündete), den Spiegel kann man auch elektronisch lesen (den richtigen Spiegel, nicht Spiegel Online), und das kostet auch. Und die Leute bezahlen.
Ob mein Vater hier dabei sein hätte können, ich weiss es nicht. Er war in den Jahren vor seinem Tod eigentlich vor allem als Übersetzer tätig. Eine Tätigkeit, die mittlerweile auch stark unter Druck kommt.
Der Text übrigens ist, wie ich jetzt herausfand, erst etwa ein halbes Jahr vor dem Tod meines Vaters im Jahr 2009 entstanden. Er war mit Sicherheit seine letzte grössere journalistische Arbeit.
Das Tolle ist, und da sage ich Euch allen nichts Neues, dass wir alle jetzt ganz einfach zu Kulturproduzenten geworden sind. Jeder von uns schreibt hier, und auch wenn es nur von vielleicht 10 oder 30 Leuten gelesen wird, so ist unsere Wirkung schon grösser als sie es vor zwanzig Jahren hätte sein können.
Ueee, papino, vedi, ti vogliamo sempre bene e non passa un giorno che non ti pensiamo.
unsere wirkung, wir... pffff.
kat.
Was ich meine: meine Wirkung ist zum Beispiel, dass eine Amerikanerin aus la mein Zeug liest und mir ein "Pffff" entgegenschleudert. Das wäre vor 30 Jahren so einfach sicher nicht gegangen.
Viel mehr an Wirkung meine ich gar nicht.
Nein, Kulturproduzenten würde ich uns nicht nennen. Das hier ist doch einfach ein Kommunikationsgefäss, das es früher nicht gab. Schnell, anonym und oberflächlich. Und darin liegt schon etwas Besonderes. Menschen haben noch nie so kommuniziert, wie wir es hier tun.
Ob sich daraus je etwas ergibt, ob eine Gruppe von intelligenten mehr aus dieser Kommunikationsform macht und an einem gemeinsamen Diskursprojekt arbeitet wird sich weisen. Dann würde so ein Blog zu einem aussergewöhnlichen Ort des Denkens und Meinungsaustausches. Und hätte Zeitungen und andren Medien einiges voraus.
Ich kenne Philosophieblogs, wo eine ausgesuchte Klientel verkehrt und an Dingen diskutiert, die Normalsterbliche nicht mehr verstehen. das gibt es sicher auch für Technikfreaks oder Naturwissenschaftler.
Hier hingegen werden andere Meinungen, die nicht dem bequemen Mainstream entsprechen, verleumdet und als asozial gebrandmarkt und es wird vor allem um Befindlichkeiten und Gefühle gesprochen. Eine Fortsetzung des tumben Mamablogs halt. Mit all den alten Empfindlichkeiten.
Und es zeigt sich hier eine fatale Tendenz, den Problemen nicht wirklich auf den Grund gehen zu wollen, weiterzudenken, die Causa zu entblättern und auf zugrundeliegende Problemfelder zu stossen, und diese zu thematisieren. Hier geht es um Gutdenk und schön formulierte, nichts aussagende Trivialitäten, um die Selbstvergewisserung in gespürigen Allgemeinplätzen, solange man nur niemandem weh macht.
Aber, ah...what the heck. I like it here, nontheless.
Zu den "fataken Tendenzen": Es fehlt der Mut, Komplexitäten zu reduzieren auf einfache Fragestellungen, die zu Entscheidungen befähigen. Das ist Freiheit, die Dinge so zu durchschauen, dass man eine freie Enzscheidung, ein eigenes Urteil fällen kann. Im Gegenteil wird die Komplexität gern noch bewundert, man verliert sich in Dickichtern ohne Macheten und das Komplizierte wird gefeiert, damit man nur ja keine Entscheidung mehr treffen muss, keine Position einnehmen, die Komfortzone der machtlosen Beobachter nicht verlassen muss und alles nur noch auf der Gefühlsebene verhandeln kann.
Ich gehe vom Idealtypus des schaffenden Menschen aus. Cosimo de Medici hat sich im 15. Jahrhundert auf das Dreifache des Wertes seines Bankhauses verschuldet, um seine Bildhauer, Kirchenbauer, Maler und Architekten zu bezahlen. Das war noch ein freier Bürger, ein wagemutiger Geist, ein ordentlicher Kerl!
dafür hat es was hinterlassen. Was hinterlassen die Zauderer, die Risikoabgesicherten und die gutmenschlich Eingemitteten?
Die heutige Welt scheint eher für Nietzsches "letzte Menschen", die Zauderer und die Ängstlichen, die Linken, Faulen, Dummen und Frechen gemacht zu sein.
Sic transit gloria mundi!
Was ist Kultur? Ich erinnere mich an lebhafte Debatten unter uns Informatikstudenten. Informatik, nicht Philosophie oder Kunstgeschichte oder Germanistik. Für mich ist Kultur alles, was über die unmittelbare Existenzsicherung hinaus geht. Wir sind also hier alle kulturelle Schwergewichte. Wir tun sogar Zeugs, das WEIT darüber hinaus geht.
Mainstream: Orlando, mich interessiert dieser nicht. Weniger noch als Dich. Du ärgerst Dich darüber, ich nicht. Ich denke gar nicht darüber nach. Über Gefühle zu sprechen ist allerdings GUT, O. Sprich nicht so abschätzig, bitte.
Den Problemen will ich manchmal sehr wohl auf den Grund gehen. Ich bin aber oft davon überzeugt, dass Du das nicht willst, in Wahrheit. Du hältst weit vor dem wahren Erkenntnisgewinn an. Du MEINST, Du habest den Gral gefunden, dabei ist es nur ein Wegwerfpolyesterbecher aus dem Kaffeeautomaten.
Allerdings, O, hast Du auf dem Weg dorthin, wo Du die Erkenntnisse fortwirfst und simple Lösungen präsentierst, oft sehr interessante Zwischenresultate, die sogar bei einem wie mir das Denken anregen. Staun, staun. DAS ist der Wert, den Deine Beiträge hier haben, und das ist ein beträchtlicher.
"Es fehlt der Mut, Komplexitäten zu reduzieren auf einfache Fragestellungen, die zu Entscheidungen befähigen." O, Du hast Recht und nicht, gleichzeitig. Komplexes soll man durchaus so lange in seine Teile aufspalten wie möglich und wahrlich irrelevante davon herausnehmen. Was die politische Rechte allerdings tut, ist katastrophal: Sie nimmt relevante Teile heraus. Sie vereinfacht Situationen weit über Gebühr. (Die Linke tut dies zuweilen auch, seien wir fair).
Zeit, wieder einmal das gescheite Wort von Albert Einstein zu bemühen: "Man sollte sich alles so einfach machen wie möglich. Aber nicht einfacher."
Wer "alles auf Gefühlsebene verhandeln" muss, der hat oft die geistigen Kapazitäten nicht, es zu durchschauen, so, dass er es auf der Sachebene durchdenken kann. Ich traue es O nicht wirklich zu, das Urheberrecht zum Beispiel zu diskutieren, so, wie es sich mit den neuen Medien darstellt. Das ist ein kompliziertes Thema, und es bleibt kompliziert, weil man davon nichts Komplexes als Irrelevant abschneiden kann. He, nicht einmal Leutheuser-Schnarrenberger blickt es wirklich. Dass es bei den Piraten viele gibt, die ihre gefühlsmässige Abneigung gegens Urheberrecht in gewundene Worte kleiden, ohne, dass sie eine wirklich funktionierende Alternative hätten zu den aktuellen Vorgängen, ist mir klar. Darum nehme ich die Piraten auch nicht wirklich Ernst. (Cool finde ich hingegen ihr Schild).
Ja. Sorry, O, aber manchmal weisst Du nicht genug, um Dir wirklich ein gültiges Urteil zu bilden (mir geschieht das manchmal auch).
Einem Experten für alles traue ich nicht.
hmm..., misstrauen ich spüre hier, junger catwalker.
auguste - former expat
Was die politische Rechte allerdings tut, ist katastrophal: Sie nimmt relevante Teile heraus. Sie vereinfacht Situationen weit über Gebühr.
Hättest du die Güte, zu erklären, was konkret du damit meinst?
hmm..., stellen sie sich nicht blöd, strasser. sie will plastiksäckli nehmen und der "linken saubande" einfach überziehen und die luft nehmen - meint zumindest der "saubere" svpler tobler.
auguste - konkret, enough?
Oje, kein Wunder wollen die linken Umweltfutzis, dass Migros und Coop diese Säckli aus dem Verkehr nehmen!
Sehen sie, würden ihre Dogmen es der Saubande nicht verbieten, sich notfalls zu wehren, dann müsten sie auch keine Angst vor Tobler haben.
Nein, ernsthaft, Tigri. Gib mir doch bitte ein Beispiel, nur ein einziges!
Tja, sorry, mein Computer ist futsch... Heuuuuul! Das hier schreibe ich mit dem Telefon...
Aber Tiger, das ist doch kein Weltuntergang .....
Spooky, wieviele Compis ihren Geist gestern und heute aufgegeben haben! Der einer Kollegin hat jede Mail dutzendfach versendet, der meiner Mutter, zugegeben ein Uraltmodell (hatten die Röhren?), geht nicht mal mehr an und bei meinem hat heute morgen der Cursor gesponnen - er ist ganz unmotiviert hin- und hergesprungen, bis ich mal auf den Mac draufgehauen habe. Jetzt geht er wieder :-) Ob das Zeichen sind?
Klar sind das Zeichen, Carol!
Das ist der Beginn der Rebellion der Maschinen!
Die wollen NICHT mehr DAS machen, wo wir wollen, dass sie es machen!
Das ist der Beginn des Untergangs der Menschheit!
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